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Begegnungen
Schriftenreihe des Europa Institutes Budapest, Band 6:123–126.

ARNOLD SUPPAN

Richard Georg Plaschka als Promotor der wissenschaftlichen Zusammenarbeit zwischen Österreich und Ungarn

 

„Die Internationalität der Wissenschaft ist heute keine fakultative Frage mehr, sondern ein aus dem Selbstverständnis moderner Wissenschaft abgeleitetes Postulat; sie ist wissenschaftsimmanent.” Mit diesem bedenkenswerten Satz leitete Richard G. Plaschka seinen Tätigkeitsbericht über „30 Jahre Österreichisches Ost- und Südosteuropa-Institut” ein, den er im Sommer 1988 nach 30jähriger Führung des Instituts der internationalen Fachwelt vorlegte. Und Professor Plaschka verband die notwendige Internationalität der Wissenschaft auch mit der Notwendigkeit des Aufbaues eines Netzes wissenschaftlicher Beziehungen, für den internationalen Wettbewerb, für Bestätigung und Kritik über nationale Grenzen hinweg. Er vergaß freilich nicht an die Einbindung der Wissenschaft in ihre Zeit zu erinnern, mit ihren Krisensituationen und Krisenkonfrontationen, und an die Fähigkeit der Wissenschaft jenseits der internationalen Politik und Wirtschaft Verständigungsvoraussetzung und Kommunikationsebene zu bieten. Denn die Wissenschaft vermag über Grenzen hinweg Einstellungen, Haltungen und Gesinnungen zu ändern: etwa für den Abbau überzogener nationalistischer Identifikationen, den Abbau negativer Heterostereotypen, den Aufbau teil-europäischer und gesamteuropäischer Identifikationsprozesse, den Aufbau globalen Wissens und globaler Verständigung.

Als Richard Plaschka im Jänner 1958 vom damaligen Unterrichtsminister Heinrich Drimmel den Auftrag zum Aufbau des Österreichischen Ost- und Südosteuropa-Instituts erhielt, war Europa zweigeteilt, war Österreich neutraler Pufferstaat zwischen NATO und Warschauer Pakt, zwischen EWG und RGW, zwischen West und Ost, und das am Beginn einer neuen Phase des „Kalten Krieges”. Plaschka erhielt also den wissenschaftspolitischen Auftrag, sozusagen unter dem „Eisernen Vorhang” hindurch, sich um erste wissenschaftliche Kontakte zu den Nachbarn zu bemühen, zuvorderst zu Ungarn, zur Tschechoslowakei und zu Jugoslawien. Die ersten Schritte waren denkbar schwierig, konsolidierte sich doch in Ungarn gerade erst das Kádár-Regime, in der Tschechoslowakei das Regime Novotnýs, während Tito in Jugoslawien einen dritten Weg zwischen Ost und West suchte.

Dennoch veranstaltete das OSI bereits im September 1958 eine Tagung über „Die Sowjetunion und Asien”, ein unerschöpfliches Thema, das gerade heute wieder neue Aktualität erlangt hat. Hierbei kam auch schon die zweite Auftragsebene des Instituts zum Tragen – die wissenschaftliche Information der österreichischen Öffentlichkeit über Entwicklungen in den ostmittel-, ost- und südosteuropäischen Staaten, von Polen bis Bulgarien, von Albanien bis in die Sowjetunion. Das OSI versuchte diesen Aufgabenstellungen in mehrfacher Weise gerecht zu werden – in Forschungsprojekten, in Publikationen, in Dokumentationen und in Veranstaltungen, und Professor Plaschka war bei den meisten Unternehmungen mit nimmermüder Schaffenskraft als Forscher, Autor, Lehrer, Veranstalter und Organisator tätig.

Unter den Forschungsprojekten sei im Besonderen auf die beiden langfristigen hingewiesen, von denen eines bis heute existiert, in Kooperation mit dem Historischen Institut der Ungarischen Akademie der Wissenschaften: die Edition der Protokolle des österreichischen und österreichisch–ungarischen Ministerrates. Unter Vorsitz von Friedrich Engel-Jánosi, später von Gerald Stourzh und Helmut Rumpler sorgte Plaschka schon in den 1970er Jahren für die Übernahme des Projekts in das Institut und setzte im Parlament auch eine eigene Budgetzeile durch. Die gemeinsame österreichisch-ungarische Edition des wichtigsten Quellenbestandes zur Geschichte der Habsburgermonarchie zwischen 1848 und 1918 wuchs im Laufe der Jahre zu einem bilateralen Unternehmen heran, das auf höchste Anerkennung in der internationalen Fachwelt stieß und auch dem in den beiden letzten Jahren angesetzten Sparstift nicht zum Opfer fiel. Mittlerweile ist die große Mehrzahl der Bände gedruckt, in Wien zuletzt der Band über das Jahr 1848, der morgen in unserem Staatsarchiv vorgestellt wird. Als Historiker kann ich mir nur wünschen, dass wir unsere Zusammenarbeit auch im nächsten Jahrhundert mit einem ähnlich großen Projekt fortsetzen werden, vielleicht in Form eines gemeinsamen historischen Atlasses.

Intensive wissenschaftliche Zusammenarbeit konnte das OSI weiters um das Projekt „Atlas der Donauländer” organisieren, in diesem Fall zu Geographen aus den meisten Nachfolgestaaten der Donaumonarchie. In 48 Kartenblättern, die zwischen 1970 und 1988 gedruckt wurden und in Deutsch, Englisch, Französisch und Russisch beschrieben sind, wurden Topographie und Geologie, Klima und Hydrologie, Bevölkerungsentwicklung und Sprachverteilung, Erwerbsstruktur und Erziehungswesen, Land- und Forstwirtschaft, Bodenschätze und Energiewirtschaft, Industrie und Handel, Eisenbahnwesen und Fremdenverkehr dargestellt. Nach Abschluss dieses Großprojektes das in allen Kartenblättern auch Ungarn erfasst, haben wir mit der Wende 1989 das neue Projekt „Atlas Ost- und Südosteuropa” begonnen.

Professor Plaschka leitete schon zu Ende der 1950er Jahren eine rege Buchproduktion ein, die thematisch relativ häufig in den ungarischen Bereich führte: „Der Prozess Stephan Ludwig Roth”, „Das Nationalitätenproblem der Habsburgermonarchie”, „Probleme zentraler Wirtschaftsplanung”, „Die Auflösung des Habsburgerreiches”, „Die sozialistische Kollektivperson”, „Österreichs Recht außerhalb Österreichs”, „Innere Front 1918”, „Der Kleinstaat in der europäischen wirtschaftlichen Zusammenarbeit”, „Wegenetz europäischen Geistes”, „Ungarn und die Donaumonarchie”, „Joseph II. und die Komitate Ungarns”, „Nationalismus–Staatsgewalt–Widerstand”. Abgerundet wurde die Publikationstätigkeit durch viele Beiträge in den „Österreichischen Ostheften”, in denen namhafte ungarische Historiker, Nationalökonomen, Geographen und Kulturwissenschaftler wesentliche Forschungsergebnisse vorstellten. Apropos ungarische Nationalökonomen: Als Staatssekretär Béla Csikós-Nagy im Dezember 1967 bei einem Vortrag im OSI in Wien die Grundzüge der ungarischen Wirtschaftsreform ab 1968 vorstellte, schloss er sinngemäß mit den Worten: Sie werden ja die Richtigkeit meines Referates bald überprüfen können, wenn ich abgelöst werde, war es falsch. Das war Verbindung zwischen Wissenschaft und Praxis anno 1967, über den „Eisernen Vorhang“ weg. Und das waren auch Früchte der Arbeit Professor Plaschkas.

Schon in den 1960er Jahren war also das OSI eine internationale Stätte der Begegnung geworden, mit Vorträgen und Tagungen, Symposien und Kongressen. Bald kamen Dutzende, manchmal sogar Hunderte ausländische Wissenschaftler nach Wien – aus Ost und West. Höhepunkte waren zweifellos der Kongress über den „Herbst 1918” im Oktober 1968, der erstmals die Historikergeneration Plaschkas zusammenführte, die Kongresse über die „Wegenetze europäischen Geistes” 1978, 1983 und 1988, sowie der 2. Internationale Kongress für Hungarologie im September 1986. Häufiger waren freilich bilaterale Tagungen zwischen Österreich und Ungarn, so über 1914 im Jahre 1964, über den Kleinstaat 1973, über Archivfragen ebenfalls 1973, über Budapest und Wien 1977, über Maria Theresia und Joseph II. 1980, über Matthias Corvinus und die Renaissance 1982 und über Mitteleuropa 1986. Dass die weltpolitische Konfrontation mitunter sogar die wissenschaftliche Zusammenarbeit zwischen Ungarn und Österreich stören konnte, wurde uns immerhin noch im Jahre 1972 vermittelt, als der große Bruder in Moskau eine in Budapest vorgesehene Tagung über die Rolle der „ruling classes” verhinderte.

Doch die ungarischen Kollegen ließen sich nicht entmutigen, und im Juni 1975, zwei Monate vor der Charta von Helsinki, empfingen Direktor Zsigmond Pál Pach, die Vizedirektoren György Ránki und Iván T. Berend sowie die Abteilungsleiter Péter Hanák und Emil Niederhauser. Professor Plaschka ganz offiziell in der Úri utca, in seiner Begleitung Professor Haselsteiner, Hofrat Mack und mich, wie in den besten Zeiten des Dualismus. Die bilaterale Zusammenarbeit wurde besiegelt, Bücheraustausch und Stipendienkontingente festgelegt. So konnte Professor Plaschka im Herbst 1988 ein wohlbestelltes Haus übergeben, das nach der Wende 1989 viele Erweiterungsbauten zuließ, nicht zuletzt die Einrichtung einer OSI-Außenstelle in Budapest. Freilich sind in einem widersprüchlichen Europa zwischen Sparbudgets und Erweiterungsankündigungen nun weitere Strategien zu überlegen, wie man die funktionierende bilaterale Zusammenarbeit auch europaweit nutzbringend anwendet. Professor Plaschka argumentierte schon 1988 mit Worten des Laibacher Erzbischofs-Alois Šustar: „Wenn Europa überleben will, sind die Menschen auf diesem verhältnismäßig kleinen und dicht besiedelten Kontinent geradezu verurteilt, miteinander friedlich auszukommen, einander zu achten und verständnisvoll zu begegnen.”

Sehr geschätzter Herr Professor Plaschka, Du hast uns vorgelebt, wie man einander achtet und verständnisvoll begegnet, zum Wohle Österreichs und Ungarns!