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Begegnungen
Schriftenreihe des Europa Institutes Budapest, Band 4:95–98.

ARNOLD SUPPAN

Jugoslawien 1918–1991

 

Jugoslawien war der europäische Staat mit den größten Unterschieden innerhalb seiner Grenzen, sowohl nach seinen naturräumlichen und kulturgeographischen Voraussetzungen, als auch nach der historischen Entwicklung seiner Regionen. Jugoslawien erstreckte sich von den Julischen Alpen im Nordwesten bis zu den Tabakfeldern Mazedoniens im Südosten, von den Mais- und Weizenfeldern der Pannonischen Tiefebene im Nordosten bis zur wein- und fischreichen dalmatinischen Adriaküste im Westen, von den Hopfengärten in der Untersteiermark bis zum Skutarisee an der albanischen Grenze. An größeren historischen Landschaften waren zu berücksichtigen: Die altösterreichischen Gebiete der Untersteiermark, Krains und Inner-Istriens, das jahrhundertelang venezianische Dalmatien und Küsten-Istrien, das acht Jahrhunderte zu Ungarn gehörende Königreich Kroatien-Slawonien, die ebenfalls bis 1918 südungarischen Gebiete der Vojvodina (Baranja, Batschka, Banat), das serbische Kerngebiet (Sumadija) zwischen Drina und Timok, das ehemals serbische, nun überwiegend albanische Siedlungsgebiet Kosovo-Metohija, das ebenfalls bis 1912 osmanische Mazedonien – damals zwischen Serbien, Bulgarien und Griechenland dreigeteilt –, die 1878 von ÖsterreichUngarn okkupierte, 1908 auch annektierte jahrhundertealte osmanische Provinz BosnienHerzegowina und das seit Ende des 17. Jahrhunderts autonome Gebiet von Montenegro.

Diese historischen Landschaften und ihre Bewohner gehörten daher zu verschiedenen Kulturkreisen – dem mitteleuropäisch-alpinen, dem pannonischen, dem innerbalkanisch-dinarischen, dem osmanischen und dem mediterranen –, verwendeten viele Sprachen (Slowenisch, Serbokroatisch in mehreren Varianten, Mazedonisch, Türkisch, Ungarisch, Rumänisch, Deutsch, Italienisch), bekannten sich zu mehreren Religionen (Katholizismus, Orthodoxie, Islam, Protestantismus, Judentum) und schrieben in zwei Alphabeten. Diese ethnisch- sprachlich-konfessionell-kulturelle Vielfalt blieb im wesentlichen bis in die Gegenwart erhalten, so dass die Volkszählung von 1981 bei 22,5 Millionen Einwohnern Jugoslawiens folgendes Bild ergab: Unter den sechs „Völkern” Jugoslawiens zählten die orthodoxen Serben 8,5 Millionen (35,3%), die katholischen Kroaten 5,4 Millionen (19,8%), die bosnisch-herzegowinischen Muslime (seit 1969 eine eigene Nation!) 2 Millionen (8,9%), die katholischen Slowenen 1,7 Millionen (8,0%), die orthodoxen Mazedonier 1,4 Millionen (6,0%) und die orthodoxen Montenegriner 0,6% Millionen (2,6%). Unter den neun „Nationalitäten” waren die überwiegend muslimischen Albaner mit knapp 2 Millionen (8,3%) die weitaus größte Gruppe, gefolgt von den 400.000 Magyaren (1,9%), ferner Rumänen, Türken, Slowaken, Bulgaren, Russinen, Tschechen und Italienern. Nach 1918 und neuerlich nach 1945 waren hunderttausende Magyaren, Türken, Rumänen, Bulgaren und Italiener meist unfreiwillig in ihre Nationalstaaten abgewandert, zwischen 1944 und 1947 waren die meisten der über 500.000 Deutschen aus der Vojvodina, Slawonien und Slowenien geflüchtet und vertrieben worden.

 

Vom Königreich zur Volksrepublik

Das am 1. Dezember 1918 in Belgrad vom Prinzregenten Alexander Karadjordjevic in Anwesenheit führender serbischer, kroatischer und slowenischer Politiker proklamierte Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen war vor allem aus dem Zusammenbruch der Habsburgermonarchie, unter dem außenpolitischen Druck Italiens (Gebietsansprüche auf Görz, Istrien, Fiume and Dalmatien) sowie unter der innerpolitischen Furcht vor dem Bolschewismus entstanden. Das kroatische und slowenische Bürgertum akzeptierte daher zwar das serbische Königshaus und die Präsenz der serbischen Armee, forderte hingegen vergeblich die föderalistische Organisation des neuen Staatswesens. Als der schärfste Kritiker des großserbischen Zentralismus, der kroatische Bauernführer Stjepan Radic, im Juni 1928 im Belgrader Parlament tödlich verletzt wurde, versuchte König Alexander ab 1929 das nunmehrige „Königreich Jugoslawien” mit einer Königsdiktatur aus der Krise zu führen. Aber der Konflikt zwischen serbischem Zentralismus und kroatischem bzw. slowenischem Föderalismus schwelte weiter, zumal nun auch eine großkroatische Bewegung, die faschistische Ustaša, auf den Plan trat und am Königsmord von Marseille 1934 mitwirkte. Zwar gelang noch im August 1939 eine Vereinbarung („Sporazum”) zwischen den wesentlichen serbischen und kroatischen Politikern mit der Zusammenfassung der meisten kroatischen Siedlungsgebiete zu einem Banat, allein die kriegerische Auseinandersetzung der Großmächte um die Balkanhalbinsel riss im Frühjahr 1941 auch Jugoslawien in den Strudel des Zweiten Jugoslawien.

Deutschland, Italien, Bulgarien und Ungarn eroberten und zerteilten Jugoslawien. Neben den bald anlaufenden Widerstandsaktionen gegen die Okkupatoren und dem immer erfolgreicheren Partisanenkrieg entwickelten sich freilich auch um nichts weniger verlustreiche innerjugoslawische Bürgerkriege: schwere Verfolgungsmaßnahmen der kroatischen Ustaša gegen Serben und Juden; schwere Übergriffe der serbischen Četnici gegen Katholiken und Muslime in Bosnien; schwere Übergriffe der kommunistisch geführten Partisanen gegen Katholiken, Muslime und Četnici; schwere Übergriffe muslimischer Einheiten gegen Partisanen, Četnici und Katholiken; schwere Auseinandersetzungen zwischen Serben und Albanern im Kosovo; schwere Auseinandersetzungen zwischen kommunistischen und bürgerlich-bäuerlichen Gruppen (Domobranci) in Slowenien. Da diese innerjugoslawischen Bürgerkriege vermutlich die Hälfte der insgesamt 1,7 Millionen Kriegstoten in Jugoslawien verursachten, hinterließen die hunderttausenden Gräber tiefe mentale Gräben in so gut wie jeder Familie.

Das neue, kommunistisch geführte Jugoslawien von 1945, die Föderative Volksrepublik Jugoslawien, unternahm in mehreren Verfassungsschritten eine Anerkennung der sechs Völker Jugoslawiens und der neuen größeren Nationalitäten, vor allem hinsichtlich des Gebrauchs der eigenen Sprache in Amt, Gericht und Schule, aber auch hinsichtlich der Berücksichtigung bei der Vergabe öffentlicher Stellen. Freilich konnten sich die Serben aus traditionellen Gründen wie aus Gründen der Konzentration in der Bundeshauptstadt Belgrad ein Übergewicht in der Armee, in der Polizei, in der Diplomatie und in anderen Zentralstellen bewahren. Denn trotz des Aufbaues föderativer Strukturen blieb die neue Nationalitätenpolitik vom administrativen Zentralismus und vom bürokratischen Unitarismus des Bundes der Kommunisten Jugoslawiens überlagert. Sogar der serbische Schriftstellverband sprach daher 1989 von „45 Jahren ununterbrochener Herrschaft einer Partei”, die das Monopol über alle politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen besessen habe, „begleitet von Gigantomanie und einer durch nichts in der Praxis begründeten Selbstüberzeugung in die Allmacht des eigenen Systems”.

 

„Dritter Weg”

Dieses kommunistische Einparteiensystem versuchte ab 1950 die Einführung eines Selbstverwaltungssystems, eine „sozialistische Marktwirtschaft”, die als „dritter Weg” zwischen sowjetischer Planwirtschaft und kapitalistischer Marktwirtschaft beschritten werden sollte. Dieser Selbstverwaltungssozialismus geriet allerdings bald in die Interessenkonflikte zwischen den Arbeitnehmern und den Betriebsleitungen, zwischen den verschiedenen regionalen Organisationen, zwischen den unterschiedlich entwickelten Republiken. Die Mittelumverteilung von den entwickelten in die unterentwickelten Regionen erregte zunehmenden Unmut. Darüber hinaus entzweiten die unterschiedlichen Exporterlöse, aber auch die vermehrte Kreditaufnahme im westlichen Ausland die einzelnen Republiken, sodass seit dem ersten Ölpreisschock von einer wirtschaftlichen und finanziellen Dauerkrise gesprochen werden muss, die zur immer schnelleren Abwertung des Dinars führte. Auch die radikalen Maßnahmen der Regierung Markoviù konnten die finanzielle Talfahrt und das wirtschaftliche Auseinanderdriften nicht mehr stoppen, wobei der Zerfall des Gesamtstaates die wirtschaftliche Katastrophe in den einzelnen Republiken noch beschleunigte.

Jugoslawien versuchte auch mit einer blockfreien Außenpolitik einen dritten Weg zwischen Ost und West. Freilich ergab sich auch dabei eine zunehmende Diskrepanz zwischen den quantitativen und qualitativen Ressourcen Jugoslawiens einerseits und seiner außenpolitischen Rolle andererseits. Immerhin verstand es der langjährige Staatspräsident, Marschall Josip Broz Tito, allen Schwierigkeiten zum Trotz, Jugoslawien im Wesentlichen aus dem Ost–West–Konflikt herauszuhalten. Die Bewegung der blockfreien Staaten verlor allerdings mit abnehmender wirtschaftlicher Bedeutung auch an strategischem Gewicht, und Tito vernachlässigte zweifellos eine konstruktivere Politik der guten Nachbarschaft. Die äußere Sicherheit des blockfreien Jugoslawiens beruhte dabei hauptsächlich auf der Pattstellung zwischen NATO und Warschauer Pakt, auch wenn, infolge der Erfahrungen aus der Intervention in der USSR, in den einzelnen Republiken Verbände der Territorialverteidigung aufgestellt wurden. Immerhin blieb die Jugoslawische Volksarmee bis zum Junikrieg 1991 eine letzte Klammer des Gesamtstaates.

Der Zerfallsprozess Jugoslawiens hat viele Ursachen: Die wesentlichsten liegen zweifellos im Versagen des von der Kommunistischen Partei gestalteten politischen Systems, im Niedergang der Sozial- und Wirtschaftsordnung des Selbstverwaltungssozialismus, im Scheitern der Lösungsansätze für die Nationalitätenprobleme des Vielvölkerstaates, in der zum Teil verfehlten Außen- und Sicherheitspolitik, nicht zuletzt aber auch im neuerlichen Aufbrechen der jahrhundertealten historischen und mentalen Trennlinien mit der Potenzierung durch die negativen Erfahrungen aus dem Zweiten Weltkrieg. Wesentlich erscheint der abschließende Hinweis, dass der am 1. Dezember 1918 geschaffene jugoslawische Staat im Jahre 1991 zum zweiten Mal in diesem Jahrhundert in seiner Existenz in Frage gestellt wurde. Erfolgte die Auflösung, des Staates im April 1941 freilich nach der militärischen Intervention Deutschlands, Italiens, Ungarns und Bulgariens, so stellte sich Jugoslawien im Jahre 1991 ohne Druck von außen selbst in Frage. Die seit 150 Jahren propagierte Idee des „Jugoslawismus”, die Idee des Zusammenschlusses der südslawischen – Völker ursprünglich war auch an die Einbeziehung der Bulgaren gedacht – scheint ausgedient zu haben.