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Begegnungen
Schriftenreihe des Europa Institutes Budapest, Band 16:15–23.

ERHARD BUSEK

Laudatio

 

Sehr geehrter Herr Staatspräsident!

Lieber Feri Glatz!

Verehrter Senator Batliner!

Vor allem lieber Paul Lendvai!

 

Zum dritten Mal vergibt das Europa Institut Budapest den Corvinus-Preis. Nach István Szabó, dem herausragenden Filmregisseur und Dokumentator des mitteleuropäischen Geschehens und Andrei Gabriel Pleşu, dem Schriftsteller und Literaten eines geistigen Europas zwischen Ost und West ist es heuer Paul Lendvai, dem dieser Preis zuerkannt wurde. Angesichts der Vielgestaltigkeit des Lebens des Geehrten ist es nicht ganz einfach, die Aufgabe des Laudators wahrzunehmen. Zunächst aber ein paar Worte zum Hintergrund dieses Preises: Über Anregung von Senator Dr. Dr. Herbert Batliner hat das Europa Institut unter tätiger Mitwirkung seines Direktors Präsident Prof. Ferenc Glatz diesen Preis geschaffen, um nicht nur das Andenken des großen Ungarns und mitteleuropäischen Herrschers Matthias Corvinus zu ehren, sondern damit auch jener Gemeinsamkeit Ausdruck zu geben, die zu seiner Zeit das Kennzeichen seines Reiches war. Die Mitte Europas wurde unter seiner Krone für kurze Zeit vereint, die kulturelle Vielfalt fand ihren Ausdruck in großen geistigen und künstlerischen Leistungen und nicht umsonst haben die Staaten in der Mitte Europas das Burgschloss Visegrad als ihr Symbol gewählt, wobei ich als Österreicher anmerken darf, dass wir eigentlich auch dazugehören, denn die Wiener haben Matthias Corvinus auch gehuldigt. Es ist nur konsequent, wenn das Europa Institut Budapest mit diesem Preis seine Tätigkeit dokumentiert, die seit mehr als zehn Jahren der aktiven Verständigung, der gemeinsamen Erforschung der Geschichte sowie der Bewahrung und Entwicklung der Vielfalt in der Mitte des Kontinents dient. Der Tätigkeitsbericht gibt darüber Auskunft was in der Zwischenzeit gelungen ist, um jenseits aller Erweiterungen und Beitrittsverhandlungen eine Erweiterung des Geistes und damit auch der Herzen vorzunehmen.

Gestatten Sie mir auch ein Wort des Dankes an den Benefaktor des Instituts und des Preises zu sagen, nämlich an meinen Freund Herbert Batliner. Ich habe die Auszeichnung, einiges an seinem Wirken verfolgen zu dürfen, wo eine Person zeigt, was sie jenseits aller Politik bewirken kann. Der herausragende Repräsentant eins Microstaates, des Fürstentums Liechtenstein, hat es auf eine systematische Weise verstanden, durch das Europa Institut Budapest, aber auch das Europa Institut Salzburg, durch die Stiftung des Kleinstaatenpreises, durch sein Wirken in den Stiftungen Propter Homines und Peter Kaiser sowie auf den verschiedensten Ebenen zu zeigen, was ein Mensch bewirken kann. Nun könnte mancher sagen, dass dies mit Geld leicht zu besorgen sei. Dem ist entgegenzuhalte, dass es viele gibt die auch über Mittel verfügen, sie aber nicht auf diese Weise anwenden, um einen Beitrag zur Humanisierung in Europa zu leisten, nicht im Zeitgeist, sondern im Geist in der Zeit einen Tribut zu zollen und Möglichkeiten zu schaffen. Es wird auch langsam an der Zeit, dieses Netzwerk an Taten zu dokumentieren, denn gerade in der jüngsten Vergangenheit war es leicht, an jemandem Kritik zu üben, um eventuell dem Finanzplatz Liechtenstein zu schaden, anstelle zu würdigen was hier im Dienste des Menschen, also „propter homines” geschehen ist. Herbert Batliner sei dafür Dank gesagt, wobei das Gelingen des Werkes sicher der größte Dank für ihn ist.

Meinem Freund Paul Lendvai die Laudatio zu halten, ist für mich eine große Auszeichnung, es war aber auch ein Anlass, ein Leben revue passieren zu lassen, das eigentlich alle Probleme, Schmerzen und Chancen des 20. Jahrhunderts wiederspiegelt und dem 21. Jahrhundert eine Perspektive gibt. Ich bitte davon absehen zu dürfen, ein chronologisches Bild des Lebenslaufes zu geben, allzu reich ist er und es wäre kaum möglich, differenzierende Facetten so präzise zu zeigen, um einer Persönlichkeit wie Paul Lendvai gerecht zu werden. Lassen Sie es mich daher in groben Strichen tun, denn das umfangreiche Werk von zehn Büchern, vor allem sein Buch „Auf schwarzen Listen – Erinnerungen eines Mitteleuropäers” geben genau Auskunft über sein Leben wie es auch sein letztes Werk über Ungarn hinsichtlich seiner Nation tut. Eine kleine Anmerkung: In Deutsch geschrieben wurde es vor kurzem ins Ungarische übersetzt und blickt einer Translation ins Rumänische entgegen, was unter den besonderen Umständen dieser Region von entscheidender Bedeutung ist.

Wie gehen jene Betrachter des Westens auf die heutige Situation zu, die Paul Lendvai in seinem medialen Wirken immer versucht sichtbar zu machen. Bewusst sei es wiederholt: 1989 hat nicht nur die Welt auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs verändert, sondern auch das westliche Europa tief beeinflusst. Sicher waren die Gründe, die zunächst, nach dem Zweiten Weltkrieg, zur europäischen Integration geführt haben, andere als die, die man heute ins Treffen führen kann. Bei Winston Churchills seherischer Rede an der Universität Zürich 1946, wo er die Vereinigten Staaten von Europa forderte, war es der Schock des Krieges und die Erkenntnis, nicht weiterhin in der Art und Weise Politik machen zu könne, wie das vom 19. Jahrhundert auf das 20. in Europa überkommen war. Bei Jean Monnet war es sicher der deutsch-französische Konflikt, der den Gedanken an die Montanunion aufkommen ließ und damit die Richtung zu den europäischen Gemeinschaften wies. Bei Robert Schuman, Alcide De Gasperi und Konrad Adenauer war es wohl nicht zuletzt ein gemeinsamer christlicher Hintergrund, eine historische Vision, die aus der Vergangen- heit auf die Zukunft umgelegt wurde.

In Wahrheit aber war die Triebfeder in der Herausforderung durch den Sowjetblock zu sehen, in der Sehnsucht, diesem gegenüber politisch geeint, wirtschaftlich gefestigt und sozial gesichert eine Gemeinschaft darzustellen, die mit Rückendeckung der USA dem militärischen, wirtschaftlichen und politischen Ansturm des Kreml standhalten konnte. Die Aggressivität des Sowjetsystems ist heute vergessen, dabei hat erst Chruschtschow mit seiner These der Koexistenz andere Verhältnisse in Europa geschaffen. Man vergisst heute leicht, dass den Vorstellungen vom Endziel des Adolf Hitler die Ankündigung des Endsiegs des Sowjetsystems, des Stalinismus-Leninismus und die klassenlose Gesellschaft gefolgt sind.

Erst heute, mit Abstand, sehen wir, dass es die Erfahrung der Schrecken des Zweiten Weltkriegs und die Herausforderung durch ein anderes ideologisches System gewesen sind, die die Politiker die Hürden zur Integration überwinden ließen. Dazu kam die Sehnsucht der damals jungen Generation, ein neues Europa zu haben, das nicht Grenzen kennt, sondern Grenzen abbaut. Zahlreiche europäische Bewegungen, Institutionen und Werke sind damals entstanden, die heute längst in die Jahre gekommen sind und ihren Schwung, meist aber auch ihre Begründung verloren haben. Darin ist gar keine Kritik zu sehen, sondern einfach das Faktum, dass so manches mit der Zeit veraltet, wobei auch angeführt werden darf, dass so manche Verheißung in Erfüllung gegangen ist. Mag sein, dass der Wohlstand, die Bequemlichkeit und die Sattheit unserer Zeit dazu geführt haben, dass sich niemand über die Fortführung der damaligen Ideen den Kopf zerbrochen hat.

Damit sind wir beim gegenwärtigen kritischen Punkt: Der Druck des Konflikts mit einem anderen System ist weggefallen, die Phantasie in der Politik hat abgenommen, die Ängste jedoch sind stärker geworden. Mehr denn je regredieren die Regierungen auf nationale Gesichtspunkte. Der englische Premier Tony Blair etwa hat trotz der im Vergleich zu seinem Vorgänger europafreundlicheren Optik klar erkennen lassen, dass es die englischen Interessen sind, die er vertritt. In allen Ländern machen sich politische Gruppierungen breit, die den nationalen Egoismus mit populistischen Standpunkten befördern und damit ihre Regierungen unter Zugzwang bringen. Offensichtlich wird nachgegeben, um das aufzufangen, wobei sich mehr und mehr die Frage stellt, wer Europa noch gegen diese Tendenzen vertritt? Die Europäische Kommission in Brüssel kann es nur als Verwaltungseinheit tun; gedanklich wäre es eigentlich eine Sache des europäischen Bürgers, sich seiner selbst und seiner Zukunft anzunehmen.

Warum diese grundsätzlichen Überlegungen? Weil wir mit Paul Lendvai jemanden anerkennen, der aus einem ganz anderen persönlichen Erleben zu eben diesem Europa gekommen ist. Hineingeboren in die Welt vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, die bereits von Nationalisten jeder Art beherrscht war, geprägt von dem Erleben einer Zeit, wovon in Ungarn nicht nur das politische System, das Admiral Horthy Miklós als Symbolfigur hatte, geprägt war, sondern natürlich auch von dem Einfluss des Großdeutschen Reiches später den Pfeilkreuzlern, die mit Hilfe Hitlers die Macht übernahmen und versuchten, den Nürnberger Rassengesetzen auch in Ungarn jene Geltung zu verschaffen, die zu den verheerenden Ausprägungen des Holocaust geführt haben. Unter diesem Eindruck geht der junge Paul Lendvai in die Welt der Linken, in den verschiedenen Schattierungen und in jene Unübersichtlichkeit, die Transformationszeiten um 1945 an sich hatten. In seinen Lebenserinnerungen beschönt Paul Lendvai nichts. Er bekennt sich zu seinen Haltungen, zu den Problemen und Irrtümern, zu den Mühseligkeiten, aber auch Hoffnungen, die es damals gegeben hat. Das ist der andere Bezug zu Europa, den ich damit anführen möchte, der aus einer Erfahrung gewonnen wurde, die auf der Seite des Westens auf der einen Hälfte des Kontinents erspart geblieben ist, ja sogar zur Triebfeder der Integration wurde. Schwer ist es, ein Urteil zu fällen, denn eigenes Erleben sieht immer anders aus.

Paul Lendvai hat sich die Gabe der Unterscheidung erhalten, die ihn von einem Journalisten in einem wenig überzeugenden System zu einem Überzeugungstäter der Demokratie und Freiheit medial gemacht hat. Unendlich spannend ist es, die Facetten seiner Entwicklung in Ungarn zu dieser Zeit zu verfolgen, bis es Lendvai gelang, über Warschau in den Westen bzw. nach Österreich zu kommen. Sein Weg führt ihn über verschiedene Korrespondententätigkeiten zur Financial Times, mit der er in der Außendarstellung Österreichs zweifellos gestaltend und stilprägend wurde, zum wichtigen Journalisten in der Ära Bruno Kreisky und schließlich von dort zum ORF und zu Gerd Bacher. Von da wieder entscheidende Taten zu setzen, wie es sein legendäres „Oststudio”, das „Europastudio” heute, seine Intendantentätigkeit bei Radio Österreich International und zahllose Berichte und Filme beweisen. Dass die Buchproduktion nicht zu kurz kam, wurde schon erwähnt, wobei sich Lendvai auch hier dem Phänomen des Jüdischen stellt, in dem Bewusstsein, dass man im Europa des 20. Jahrhunderts darüber nicht ruhig reden kann. Er ist ein Repräsentant jenes aus der jüdischen Tradition kommenden Talents des Unterscheidens und Abwägens, der talmudischen Überlegung und der Beurteilung der Phänomene der Zeit, die zu einer ungeheuren kulturellen Leistung des Judentums in der Mitte des Kontinents geführt haben, die wir unter Schmerzen vermissen und immer wieder feststellen müssen, dass es Anlässe zum Rückfall in den Ungeist vergangener Zeiten gibt. Diese Wachheit hat Paul Lendvai auch ins Gefängnis geführt und ist dafür verantwortlich, dass er von der östlichen Reichshälfte systematisch auf „schwarzen Listen” geführt wurde, was ihn in seiner beruflichen Tätigkeit naturgemäß behinderte und auch nicht spurlos an seiner Familie vorüberging. Um so mehr war es seine Tätigkeit in den elektronischen und Printmedien, aber auch in Büchern, auf diese Situation einzugehen. Er ist auf eine gewisse Weise stilprägend geworden, wobei die „Europäische Rundschau” eine Quartalsschrift, die umfassend das Zeitgeschehen der letzten Jahrzehnte dokumentiert hat, eine der Spitzenleistungen eines europäischen Journalismus darstellt, weil sie in eben dieser europäischen Rundschau jederzeit nachlesen können was zur jeweiligen Zeit die wirklichen Themen gewesen sind. Unvergessen sind die Diskussionssendungen die z. B. in Warschau oder Moskau in kommunistischen Zeiten durchgeführt wurden und auch in diesen Ländern unter Schwierigkeiten gesendet wurden.

Aus welcher Grundhaltung unternimmt dies Paul Lendvai? In seiner autobiographischen Darstellung verweist er darauf, dass die Welt des kommunistischen Systems auch ihre Einflüsse aus dem Literarischen genommen hat, zum Beispiel durch Stefan Zweig. Dieser Hinweis hat mir für vieles an Paul Lendvai Erklärung gegeben, er ist quasi ein journalistischer Stefan Zweig unserer Zeit. Wir können gerade daraus unendlich viel lernen.

Wenn wir uns heute die Frage stellen, was den europäischen Bürger ausmacht, dann müssen wir an die Wurzeln gehen. Eine der Schwächen des gegenwärtigen Prozesses einer neuen Entstehung Europas besteht darin, dass wir ihn allzu einseitig ökonomisch sehen. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die Gemeinsamkeiten klar: Nie wieder Krieg, Frieden, Stabilität und Wohlstand – und es war damals aus der Erfahrung der Kriegsgeneration geboren. Eine gemeinsame Währung erzeugt heute noch lange keine gemeinsamen Grundlagen, eine integrierte Gesetzgebung bedeutet nicht, dass wir den nächsten Generationen zu sagen wissen, was dieses Europa in Wirklichkeit bedeutet. Offen gesagt: Dafür kann auch keine Europäische Kommission oder gar der Ministerrat zuständig sein. Ich würde mich sogar davor fürchten, wenn nun die Regierungen daran gehen, quasi das geistige Europa zu beschließen, durch Werbeagenturen zu kreieren oder es durch eine europäische Verfassung zu erzeugen. Das ist vielmehr ein geistig-kultureller Prozess der in den Hirnen und Herzen der Bürger dieses Kontinents vor sich gehen muss. Dabei brauchen wir uns gar nicht einzubilden, dass es sich um etwas Neues handelt, denn dieses Europa, gemeinsam in den Wurzeln, vielfältig im Erscheinungsbild und dennoch von einem großen Rahmen umfasst, hat es in der Geschichte immer wieder gegeben. Denken wir doch an die Universität, die in Wirklichkeit eine europäische Gründung gewesen ist und ursprünglich nicht Mobilitätsprogramme wie Erasmus und Sokrates gebraucht hat, um die Gemeinsamkeit des Kontinents und den Rahmen eines wissenschaftlichen Diskurses abzugeben.

Genauso war es in der Zeit, in der Stefan Zweig gelebt hat. Sie hatte vor dem Ersten Weltkrieg einen gemeinsamen Rahmen, ein geistiges Gerüst und die Kraft, ihre Vielfalt als eine Stärke zu verstehen. Den primitiven und brutalen Angriffen machtgieriger und dummer Menschen hat diese Welt nicht stand- gehalten. Stefan Zweig ist ein Hinweis darauf, was gedacht werden kann, die Realisierung heute aber so zu gestalten, dass sie in demokratischer Weise hohe kulturelle Qualität hat, Europa nicht von anderen abschließt, sondern öffnet und mehr und mehr zu einer Gemeinsamkeit des Denkens führt, das ist unsere heutige Aufgabe. Und Stefan Zweig hat uns viel dazu zu sagen!

Seinen großen Abschied, seine Vorwegnahme des Abganges durch den Freitod aus einer schrecklich gewordenen Welt, in dem beeindruckend bedrückenden Buch „Die Welt von gestern” hat der Autor mit „Erinnerungen eines Europäers” untertitelt. Mag sein, dass es die Verklärung des Rückblicks ist, die einem entgegenschlägt. Er beschreibt aber jenen Geist der europäischen Gemeinsamkeit, den auch die heutige Zeit unbedingt braucht. Seherisch klingt es, wenn Zweig berichtet: „Wir jauchzten in Wien, als Blériot den Ärmelkanal überflog, als wäre es ein Held unserer Heimat; als Stolz auf die sich stündlich überjagenden Triumphe unserer Technik, unserer Wissenschaft war zum ersten Mal ein europäisches Gemeinschaftsgefühl, ein europäisches Nationalbewusstsein im Werden. Wie sinnlos, sagten wir uns, diese Grenzen, wenn sie jedes Flugzeug spielhaft leicht überschwingt, wie provinziell, wie künstlich diese Zollschranken unserer Grenzwächter, wie widersprechend dem Sinn unserer Zeit, der sichtlich Bindung und Weltbrüderschaft begehrt!”

Wäre dieser Text nicht auch heute angebracht in einer Zeit, wo sich wieder die Erfindungen überschlagen, wo wir Grenzen als lächerlich empfinden, von Globalisierung reden und nicht in der Lage sind, den Kontinent so zu gestalten, dass es auch eine Freizügigkeit nicht nur der Touristen, sondern auch des Geistes gibt. Glänzend sind die Errungenschaften, die uns geschenkt sind, Telekommunikation ermöglicht heute quasi geistig an allen Orten der Welt gleichzeitig zu sein. Es kann gelingen, wenn wir die Faszination auch in die richtigen Wege leiten. Stefan Zweig warnt an anderer Stelle: „Herrlich war diese tonische Welt von Kraft, die von allen Küsten Europas gegen unsere Herzen schlug. Aber was unserer beglückte, war, ohne dass wir es ahnten, zugleich Gefahr. Der Sturm von Stolz und Zuversicht, der damals Europa überbrauste, trug auch Wolken mit sich. Der Aufstieg war vielleicht zu rasch gekommen, die Staaten, die Städte zu hastig mächtig geworden und immer verleitet das Gefühl von Kraft Menschen wie Staaten, sie zu gebrauchen oder zu missbrauchen.” Auch diese Sätze gelten heute, denn die insbesondere seit 1989 beschleunigte Entwicklung stellt uns vor große Fragen. Zu rasch ist sie gekommen, zu wenig waren wir darauf vorbereitet und wieder gilt für unsere heutige Situation, das was Stefan Zweig schreibt: „Und dann: was uns fehlte, war ein Organisator, der die in uns latenten Kräfte zielbewusst zusammenfasste. Wir hatten nur einen einzigen Mahner unter uns, einen einzigen weitvorausblickenden Erkenner, dass das Merkwürdige war, dass er mitten unter uns lebte und wir von ihm lange nichts wussten, von diesem uns vom Schicksal als Führer eingesetzten Mann.” Zweig meinte allerdings nicht mit dem Wort „Führer” jene erschreckende Figur, die uns Konsequenzen beschert hat, an denen wir heute noch laborieren, sondern für ihn war es Romain Roland. Es lässt aber in uns die Frage reifen, ob wir jene Leitfiguren kennen, die uns Orientierung in der erscheinenden Flucht geben. Kennen wir heute jene europäischen Figuren, die zweifellos nun einmal eine Landschaft wie die unsere braucht, um den Weg zur Zukunft zu finden?

Paul Lendvai ist längst ein solcher Europäer geworden. Bescheiden bezeichnet er sich als Mitteleuropäer, wobei ich darunter eher den Kosmos dieser Region verstehe, der in seiner Reichhaltigkeit unendlich viel enthält, das jeweils aus dem Westen oder Osten, Süden oder Norden genommen wurde und bei uns eine Rolle spielt. Es ist die Heimat seiner Geburt Ungarn, die Heimat seiner Wahl Österreich, aber schließlich jenes Europa, das wir herbeisehnen und versuchen Stück um Stück zu verwirklichen. Lendvai beschreibt sich selbst als Mitteleuropäer mit ungarischer Herkunft und österreichischem Heimatgefühl, ich würde meinen, er ist ein Europäer aus Ungarn – Österreich, weil sich doch die Priorität der Geburt in diesem Ausdruck widerspiegeln sollte. Dabei kommt die Liebe zu Österreich nicht zu kurz, wenn ich denke, was er z. B. über Altaussee geschrieben hat.

Paul Lendvai hat sein Leben den Medien, also den Mittlern der Information verschrieben, wobei für ihn immer noch die Richtigkeit der Fakten, die Genauigkeit der Information eine Rolle spielt. Er ist nicht einer jener Verpackungskünstler, die es heute in der Medienlandschaft so zahlreich gibt, wo der Text gegenüber dem Bild zurücktritt und die Schlagzeile allein schon die Information bedeutet. Er hat auf diesem Gebiet genügend erlebt, um sich die Sensibilität zu erhalten, die heute genauso angebracht ist.

Die Ereignisse rund um das tschechische Staatsfernsehen sowie die Verhaftungen, Eingriffe und Eigentumsverschiebungen, die in der Russischen Föderation im Medienbereich stattgefunden haben, signalisieren, dass es sich bei den Medien um eine Schlüsselfrage der europäischen Entwicklung handelt. Wir sind weit entfernt von einer medialen Öffentlichkeit der Union oder des Kontinents. Die „Euronews” sind zahmer Regierungsfunk, der kaum dazu dient, ein Mehr an Kenntnis und Problembewusstsein zu vermitteln. Die mediale Öffentlichkeit ist hier zweifellos am Anfang. Das mag verschmerzbar sein, solange entwickelte Medienlandschaften über Europa selbst berichten und es diskutieren. Dort wo Europa gleichzeitig mit der Demokratie im Werden ist, ist der Vorgang noch weitaus komplizierter.

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Zuletzt dominierte die Frage, wie über Konflikte berichtet wird, anhand des Beispiels Kosovo. Besonders interessant war die Tatsache, dass Vertreter des Hörfunks und des Fernsehens aus dieser Region, die sich an einem besonders kritischen Punkt der Transformation befinden, berichtet haben. Das war eine ganz intensive Erfahrung. Was ich dazu kritisch anmerken muss, ist, dass sich der freie Westen in seinem medialen Wirken gegenüber diesen Staaten nicht gerade ausgezeichnet hat, weder im Bereich elektronischer Medien noch auf dem Printsektor. Die neuen Fernsehstationen in diesen Regionen der Transformation waren rein kommerziell orientiert und haben alles Mögliche gebracht, von Konsumanreizen bis zur Pornographie, aber ganz sicher keinen Beitrag zur Demokratisierung geleistet. Natürlich bilden auch die eben genannten Elemente Facetten der Medienfreiheit, aber sie haben auf Grund der Situation in den Transformationsstaaten ihre besondere Problematik. Das muss ich ausdrücklich kritisch anmerken. Im Bereich der Printmedien verhält es sich so, dass westliche Konzerne kommunistische Zeitungen kaufen, um sie kommunistisch zu belassen – beim näheren Betrachten ist man überrascht, um welche Unternehmen es sich dabei handelt. Das sind Konzerne, die hier im Westen als Wahrer der Medienfreiheit und der Demokratie auftreten – noch dazu mit moralischem Anspruch. Hier fehlt eine kritische Untersuchung, um Bilanz ziehen zu können. Ich frage mich, warum sich die Kommunikationswissenschaften in Europa nicht zu Wort melden – sie sind mit diesem Thema so gut wie gar nicht präsent. Was hier medial passiert, das ist nach meiner Meinung ein ganz entscheidender Punkt.

Eine Fülle von Tagungen, Konferenzen und Symposien zu den Krisenherden Europas sind üblich geworden. Bei diesen Anlässen klopfen wir einander auf die Schultern und stellen regelmäßig fest, dass alles eine Erfolgsstory sei. Gegenwärtig sagt das jeder zu Jugoslawien, früher zu Bosnien, Albanien etc. Eigentlich müssten wir zugeben, dass uns dazu nicht zu viel einfällt. Dann sollten wir aber auf die Phrase verzichten und keine falschen Hoffnungen wecken. Oder wir sollten zugeben, dass wir hier zu wenig Phantasien entwickelt haben. Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass diese Frage eine kardinale ist, da geht es nicht nur um Sanktionen. Ich habe selbst erlebt, dass Lendvai etwa bei der Bertelsmann-Stiftung diese Fragen stellt.

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Lendvai erlaubt sich immer die richtigen Fragen zu stellen. Das ist oft niemandem sehr angenehm, es ist aber dringend notwendig. Unsere Welt braucht jemanden, der immer Fragen stellt, damit wir gezwungen sind, nach den richtigen Antworten zu suchen. Das gilt auch für mein Heimatland Österreich, in dem Paul Lendvai dafür berühmt ist, dass er die richtigen Fragen stellt. Er hat das auch in der letzten Zeit getan. Mit jener Gabe der Unterscheidung, die nicht einer allgemeinen Mode anheimfällt, sondern daran denkt, dass man das Land, in dem man zu Hause ist, auf die richtige Weise verstehen und auch medial vertreten muss. Das hat ihm viele Missverständnisse eingetragen, ich persönlich bin ihm aber dankbar, weil es jene Gerechtigkeit in der Beurteilung ist, die aus einer längeren Lebenserfahrung gewonnen wird. Leichter wäre es gewesen, in das Geheul jener einzustimmen, die das Land verdammten, weil sie Probleme mit einer Regierungskonstellation hatten, verkennend, dass es für vieles Ursachen gibt, wo man an den Wirkungen dann messen kann, welche Veränderung im besten Sinne möglich ist. Ein Urteil kann nie abgeschlossen sein, bevor überhaupt die Handlung gesetzt wird.

So dürfen wir Paul Lendvai zur Auszeichnung des Corvinus-Preises 2001 herzlichst gratulieren, wobei damit auch Erwartungen verbunden sind. Nämlich die, dass in jenem wachen Geist und der überzeugenden Sensibilität der so Ausgezeichnete weiter wirkt. Eigentlich zeichnet Paul Lendvai uns aus, indem er sich in den Dienst der Sache gestellt hat und es nie am Engagement fehlen ließ, selbst wenn er dafür gesundheitlich Preise zu zahlen hatte. Matthias Corvinus ist der Namensgeber eines Preises als Gestalter Mitteleuropas mit den Mitteln seiner Zeit. Paul Lendvai ist der Träger des Corvinus-Preises als ein medialer Mittler unserer Zeit, inmitten des geschichtlichen aktuellen und zukünftigen Geschehens, mit jener Vielfalt und Unruhe, mit jenem Witz und analytischer Schärfe, mit der Erfahrung eines facettenreichen Lebens und dem Mut zum Prinzipiellen, der aus den verschiedenen Wurzeln seiner verschiedenen Persönlichkeit kommt. Sei es aus dem Familiären, dem Ambiente seiner Jugend in Ungarn, dem Preis für das politische und mediale Engagement in einem geschlossenen politischen System, der Verantwortung zur Freiheit, die unter Schwierigkeiten errungen wurde und der steten weiteren Entwicklung bedarf. Nur weniges konnte ich von dem sichtbar machen was wir an Paul Lendvai haben. Umso mehr freut es mich, ihm zum Corvinus-Preis des Europa Instituts Budapest herzlich gratulieren zu können.