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Begegnungen
Schriftenreihe des Europa Institutes Budapest, Band 16:24–27.

PAUL LENDVAI

Das Problem der Identität in einem zusammenwachsenden Europa

Festvortrag

 

Kürzlich schrieb in einem lesenswerten Aufsatz in der NZZ Claus Koch einige Maximen für die Intellektuellen:

a) Verhalte dich stets so, dass sie dir keinen Preis verleihen können, auch wenn sie es gern täten. Doch ein Intellektueller, der einen Förderpreis einnimmt, war entweder schon vorher kein Ganzer, oder er entmannt sich durch die Annahme.

b) Gerate nicht in eine Situation, in der du die Hand beißen müsstest, die dich streicheln will. Mit anderen Worten, vermeide Gelegenheiten, in denen du Dankreden ausbringen müsstest, ebenso Lob und Grabreden.

All das gilt aber nicht für jene unter den Intellektuellen, die politische Gefangene, Flüchtlinge oder Emigranten waren und sind. Für diese Menschen, so auch für mich, gilt was Sándor Márai in seinem Buch „Bekenntnisse eines Bürgers” schrieb, er sei „eine Seele auf Durchreise”. Deshalb kann jeder von uns am eigenen Beispiel die vielen Facetten des Problems der Identität darstellen.

Ich bin zum Beispiel ein in Wien ansässiger, gebürtiger Ungar, jüdischer Herkunft mit einer englischen Frau, deren älterer Sohn, mit einem aus Bessarabien stammenden englischen Vater in eine spanisch-stämmige, englische Familie eingeheiratet hat, wobei sein Schwager eine junge katholische Ungarin geehelicht hat. Die in London lebende Mutter lehrt ihren drei Kindern auch Ungarisch. Meine englische Schwägerin wiederum lebt in Melbourne mit ihrem Mann, dem Sohn eines berühmten deutschen Psychiaters, der vor Hitler nach Großbritannien flüchtete. Mein Vater wurde in Kaschau, der Stadt Sandor Marai’s (heute heißt es Košice), meine Mutter in Siebenbürgen Alsósófalva (auf Rumänisch Ocna de Jos) geboren. Mein letzter engster Verwandter in Ungarn, mein Cousin Zsolt, ein Zisterzienser, den Kardinal Mindszenty 1946 zum Priester weihte, starb kürzlich und liegt beim Stift Zirc begraben.

In dieser Stadt Budapest wollte man mich (unerklärlich, unvorstellbar und unvergesslich) als 15-jährigen Jugendlichen umbringen und das Überleben meiner Familie verdanken wir zum Teil dem so lange vergessenen und von seinem eigenen Land so lange schäbig behandelten, mutigen Schweizer Konsul Carl Lutz. Wohl deshalb plädierte ich, als die Schweiz an den Pranger gestellt wurde, so engagiert–vielleicht zu engagiert–für „Fairness” gegenüber der Schweiz.

In dieser Stadt hat mich die gleiche Diktatur, zu deren Sieg ich seinerzeit als verblendeter Jungsozialist beigetragen hatte, mit neun Monaten Freiheitsentzug in einem nahe gelegenen Gefängnis und Internierungslager (unerklärlich, unvorstellbar, unvergesslich) bestraft und dem folgten drei Jahre des Berufsverbots, Jahre der Bitterkeit, der tiefen menschlichen Enttäuschungen und des Kampfes um Rehabilitierung.

27-jährig fing ich nach der Niederschlagung der Revolution in Österreich ein neues Leben an.

Österreichischer Staatsbürger seit dem 28. September 1959, bin ich jenem Land unendlich dankbar. Nicht deshalb weil ich verantwortliche Positionen bekleiden durfte, nicht deshalb weil ich diverse Ehrungen und Auszeichnungen bekommen habe, sondern weil Österreich fast 200.000 Ungarnflüchtlinge ohne Vorbehalt und hilfsbereit, freundlich und frei von Fremdenhass aufgenommen hat, weil es mir, wie so vielen anderen, die die „finsteren Zeiten” (Brecht) in Ungarn durchgemacht haben, ein neues, freies, glückliches Leben ermöglicht hat. Vielleicht deshalb plädierte ich von Frankfurt bis Paris gegen die EU-Sanktionen und für Gerechtigkeit für Österreich so engagiert – vielleicht zu engagiert.

Wenn man selber zu jener Gruppe von Menschen gehört, von denen der rumänisch-französische Philosoph Cioran sagte – „der Exilant sei einer, der nichts mehr habe, außer seinem Akzent”, dann hält man sich an jene geflügelten Worte Jean Pauls, die sein eigenes Leben wundersam zu bestätigen scheinen: „Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus welchem wir nicht vertrieben werden können”. William Faulkner formulierte anders: „Die Vergangenheit ist niemals tot, sie ist nicht einmal vergangen.” Evelyn Waugh schrieb: „We possess nothing certainly except the past.”

„Die Vergangenheit ist nicht nur der einzig sichere Besitz, sie verleiht auch, sofern sie vor dem Urteil der Geschichte Bestand hat, einer Gemeinschaft in bewegten Zeiten inneren Halt”. Es fängt immer mit der Definition des Fremden, mit der Sprache, mit den Begriffen an – und endet mit den Lagern. Ich habe am eigenen Leib beide Spielarten der Diktatur des Totalitarismus erlebt. Der Sinn für Maß in der Politik ist eine Vorbedingung für die Bürgergesellschaft. Der kürzlich verstorbene deutsche Literat Hans Mayer, schrieb einmal: „Es gibt eine wundersame Heilkraft der Natur; doch es gibt keine Heilkräfte der Geschichte. Es heißt zwar, darüber muss Gras wachsen, allein unter dem Gras liegen nach wie vor die Toten”.

Über Legenden und Mythen hat man die Identität neu zu konstruieren. Dabei gibt es nicht nur die reflektierende Rückschau und die Besinnung auf konstruktive Erfahrungen, sondern auch die Geschichtsklitterung, die Schuldzuweisung und die Verzehrung. Wir befinden uns in einem unglaublichen Wandeltempo. Geschichte sozusagen im Zeitraffer. In 10 Jahren Ende eines weltgeschichtlichen Konfliktes, Untergang einer Ideologie mit universalem Herrschaftsanspruch. Dieser Konflikt war mit seiner Bedrohlichkeit auch eine gewisse Klammer für den europäischen Integrationsprozess.

Erinnerung versus Vergessen, Chronik des Schreckens, die Diktatur träumt davon, dass es nur noch ein Gedächtnis gäbe, dass nur noch einer über die Vergangenheit bestimmt. Bertrand Russell über Conrad: „Ich spürte, obwohl ich nicht weiß, ob er ein solches Image akzeptiert hätte, dass er das zivilisierte und moralisch tolerierbare menschliche Leben als einen gefährlichen Gang über eine dünne Schicht der kaum kalt gewordenen Lava sah, die jeden Moment ausbrechen und den Unaufmerksamen in ihre brennende Tiefe sinken lassen würde”.

Das Böse gehört, wie auch die Anteilnahme, zu den eher seltenen Dingen. Es gibt weniger eine Banalität des Bösen, als vielmehr eine Banalität der Gleichgültigkeit. Freilich muss man warnen, dass die Verbindung des Bösen mit der Gleichgültigkeit tödlich ist.

Aber auch Achtung vor Mischung aus Ignoranz und Arroganz transatlantischer Provenienz, Francis Fukuyamas Thesen über „Das Ende der Geschichte” über einen „zahnlos gewordenen europäischen Nationalismus” und über „die drohende Langeweile der Geschichte” sind vor aller Welt durch die Balkankriege eliminiert worden.

In Mittel- und Osteuropa vollzog sich ein skrupelloser Maskenwechsel vieler Schriftsteller, Wissenschaftler und Journalisten im Zeichen einer demonstrativen Absage an die Werte des Humanismus, der Toleranz, der Internationalität, der Offenheit, der Europäisierung des Geistes. Ersetzt werden diese Werte des europäischen Humanismus durch demonstrative Bekenntnisse zu verschiedenen Spielarten der Blut- und Bodenideologie zu einem aggressiven Nationalismus, zur Ausgrenzung der Fremden: kurz es handelt sich um das was Julian Benda in seinem 1927 veröffentlichten berühmten, freilich selten gelesenen Buch den „Verrat der Intellektuellen” (La Trahison des Clercs) nannte. In seiner Einleitung zu diesem Buch, das übrigens genau 50 Jahre nach der französischen Ausgabe erst 1977 auf Deutsch vorlag, schrieb Jean Amery: „Ich stehe nicht an zu behaupten, dass sein radikal-rationalistischer Intellektualismus, seine strikte Absage an alles Irrationelle, sein Beharren auf einem Universellen, das niemals aufgeht in partikularen Erscheinungsformen, heute belangvoller ist denn je”. Heute, das war 1977. Um wie viel aktueller sind diese Worte im Jahr 2001, im Jahr der blutigen Ausschreitungen gegen Ausländer und der Epidemie des mörderischen Nationalismus. Die Kämpfe in Bosnien, Kosovo, Mazedonien bestätigen die zeitlose Gültigkeit von Bendas Diagnose: „Dass übrigens der Stolz entgegen der üblichen Meinung eine stärkere Leidenschaft ist als das Interesse, wird einem rasch klar, wenn man sieht, wie oft sich die Menschen weit eher wegen einer Verletzung ihres Stolzes als wegen einer Schädigung ihrer Interessen umbringen lassen.”

In dieser Zeit müssen wir leben und arbeiten, schreiben und reden, verhandeln und vermitteln so gut es geht. Es ist sehr schwer. Márai wollte Zeugnis ablegen für eine spätere Zeit – Zeugnis, dass das Jahrhundert, in dem wir geboren sind, einst den Triumph des Verstandes proklamierte. Und er wollte bis zum letzten Augenblick zeugen: „dass es eine Zeit gab und einige Generationen, die den Sieg des Verstandes über die Triebe verkündeten und an die Widerstandskraft des Geistes glaubten, der die Todessehnsucht zu zügeln vermag”. Dieser Lehre will ich auch als Publizist, Zeithistoriker und Zeitzeuge treu bleiben.