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Begegnungen
Schriftenreihe des Europa Institutes Budapest, Band 12:33–39.

ANDREI PLEŞU

Sünden und Unschuld der Intellektuellen

Festvortrag

 

Die postkommunistischen Gesellschaften haben den Intellektuellen gegenüber eine äußerst zwiespältige Einstellung. Einerseits werden die Intellektuellen mit einem leicht scheinheiligen Respekt behandelt, sie werden ihrer „Gelehrtheit” wegen bewundert, stolz als „Werte” präsentiert und angehalten, „das Land aus der Sackgasse zu führen”. Andrerseits betrachtet man sie mit einer leichten, von Misstrauen durchsetzten Ironie: Als schwächliche, unzeitgemäße, von zu vielem Nachdenken etwas angegriffene Wesen. Sie sind ineffizient, elitär, kosmopolitisch und erhalten nur „mangelhaft” bei mehreren „bürgerpflichtigen” Rubriken – wie Patriotismus, Solidarität, Respekt gegenüber den Massen usw. Ein Großteil der Bevölkerung reagiert eher gelangweilt auf die Intellektuellen. Das sind im allgemeinen irgendwelche Leute, die sie nicht verstehen und von denen sie nicht verstanden werden, Personen, auf die man sich nicht verlassen kann, einfach Taugenichtse, die sich um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern sollten, wenn sie schon nicht imstande sind, tatsächlich und wahrhaftig zu helfen.

Dieses Problem ist typisch für Übergangsperioden. Die großen Umsturze von 1989 haben überall angesehene Intellektuelle in den Vordergrund gebracht, die – gleichzeitig – Auslöser, Garanten und Wahrzeichen der Ereignisse sein durften. Menschen, deren Schicksal meist mit einem arbeitsamen Schattendasein in Verbindung gebracht wird, füllten plötzlich raumdeckend die Bühne in der Gestalt des „zivilisatorischen Heldens”, des aktiven Reformers. Und, wie es nicht anders zu erwarten war, alle postrevolutionäre Enttäuschungen wurden anschließend auf ihr Konto gesetzt. Die Wähler hatten die edlen Reden und moralisierenden Vorbilder schnell satt. Die Zeit der symbolträchtigen Gesten, der großartigen und überwältigenden Haltungen ist vorbei. Havel ist banal und Michnik unsympathisch geworden. Das Verhältnis zwischen Intellektuellen, Ethik und Politik wurde schnell thematischer Bestandteil koketter internationaler Symposien. Weg von der Straße und weg von den „Verhandlungstischen” sind die Intellektuellen zu mehr oder minder mondänen Schauspielern endloser „Rundtisch-Gespräche” geworden. Sie glossieren und adnotieren alexandrinisch rund um ihre Leistungen in der Vergangenheit, sie erklären sich, schlagen neue Utopien vor, sie debattieren Nuancen. In einem Artikel über Polen in „Le Nouvel Observateur” bringt Bernard Gueta die Situation auf den Punkt: „Der Krieg ist vorbei. Polen hat für normale Zeiten einen normalen Menschen gewählt. Alles ist in Ordnung – und sehr traurig.”

Soll das heißen, dass die Intellektuellen raus aus dem Spiel sind? Und sollte dies der Fall sein, müssen wir diesen Umstand sofort als Katastrophe einstufen? Als erstes liesse sich bemerken, dass der Terminus „Intellektueller” in den zu diesem Thema laufenden Diskussionen mit einer besonderen Bedeutung behaftet ist. Er bezeichnet eher die „künstlerische” Variante des Intellektuellen – den interessanten, „auserwählten” Menschen, der charismatisch über der Menge schwebt. Nicht einfach das Hochschulstudium, nicht die Vorherrschaft des Mentalen, des Geistigen über das Manuelle, Handwerkliche definieren zur Zeit den Status des Intellektuellen, sondern die Neigung zur spekulativen Erhabenheit, zur ethizistischen Gestikulation und zur kreativen Originalität. Niemand denkt an Václav Klaus, wenn er ein Beispiel sucht, selbst wenn man dem ehemaligen tschechischen Ministerpräsidenten nur schwer die Eigenschaft eines Intellektuellen absprechen könnte. Alle Welt denkt an Václav Havel. Nur als Verkörperung vom Typ Havel erlangt der Intellektuelle die Aura der missionären, von sybillischen Instanzen für unsere Rettung auserwählten Gestalt. Einem Buchhalter kann man die Rolle des „Erlösers” nicht anvertrauen.

Und hier treffen wir auf eine erste Form der „Verdrehtheit” unserer Mentalität. Eine unschuldig-treuherzige und romantische Verdrehtheit, aber deshalb nicht minder schädlich. Wir machen einen deontisch-logischen Fehler, das heißt, wir verteilen die Kriterien der Autoriät auf recht aberante Weise. Aus der Tatsache, dass er ein „inspirierter” und auf seinem Kompetenz-Gebiet effizienter Mensch ist, schlussfolgern wir, dass er universell kompetent ist. Genauer gesagt, wir setzen als selbstverständlich voraus, dass „inspiriert und effizient sein” eine Kompetenz an sich ist, die spektakuläre Ergebnisse zeitigt, egal auf welchem Gebiet sie eingesetzt wird. Einstein hat den Nobel-Preis für Physik erhalten, das bedeutet also, dass er uns – egal, was wir ihn fragen – mustergültige Antworten liefern muss. Wir werden folglich von ihm seine Meinung über Glück, über die Unsterblichkeit der Seele und über die Zukunft der Menschheit wissen wollen und dabei all seine Platituden als letzte Wahrheiten akzeptieren, weil wir auf seine allerhöchste Begabung dort setzen, wo er kaum mehr als ein rechtschaffener Mensch ist. Auf die Idee, dass ein genialer Schriftsteller ein Schuft oder ein Weichei sein kann, dass ein bedeutender Mathematiker in Sachen Politik ein Idiot oder ein heldenmütiger Mensch eher unterentwickelt in Verwaltungsfragen sein kann – auf diese Idee kommt man nicht. Für diese Idee ist kein Platz in unseren nach Geometrie und Konsequenz dürstenden Gehirnen.

Der Intellektuelle ist jemand, der gewisse Dinge, der viele Dinge weiß. Folglich ist er jemand, der alles weiß. Der Intellektuelle redet schön, demnach hat er Lösungen. Der Intellektuelle versteht alles – also kann er alles. Man verweigert dem Intellektuellen das Recht, manchmal und auf manchen Gebieten ein einfacher Mensch zu sein. Folglich hat der Intellektuelle die Pflicht und Schuldigkeit, mit seiner wundersamen Energie bei den Überwindungen aller Hürden mitzuhelfen. Tut er das nicht, so ist er egoistisch, er drückt sich, er ist faul. Die Intellektuellen unterliegen einem enormen öffentlichen Anspruchs-Druck. Sie sind dazu verdammt, ihrem Nimbus gerecht zu werden, sie können sich die alltäglichen Halbschatten des „einfachen Bürgers” nicht leisten. Verboten wird dem Intellektuellen selbst der Kommentar – seine ureigenste und allbekannte Spezialität. Es schicke sich nicht, vom Rande aus zu sprechen – er habe die Pflicht und Schuldigkeit einzugreifen.

Es gibt also eine richtige Mythologie des intellektuellen Auftrags, der von der Geschichte in manchen Momenten gefordert, in anderen in Abrede gestellt wird. Die Frage, die sich zwangsläufig ergibt: Innerhalb welcher Grenzen ist solch ein Auftrag vernünftig und legitim? Was kann man von den Intellektuellen erwarten, und was nicht? Und wie muss sich ein wahrer Intellektueller verhalten, um das Gleichgewicht zu wahren zwischen dem Risiko eines unangemessenen Aktivismus und jenem des schuldhaften Absentismus? Letzte Antworten können wir nicht bieten, zumindest aber versuchen, vorgefasste Meinungen und die allzu scharfen Richtlinien der Allgemeinheit zu relativisieren.

Die Mythologie des politischen Auftrags der Intellektuellen hat bislang zu drei großen Kategorien von Lösungen geführt.

 

Die zurückhaltende Kontemplation

Intellektuelle und Politiker haben auf derselben Bühne nichts verloren. Es ist nicht die Sache der Intellektuellen, sich ins Getümmel des Jahrhunderts einzumischen, sich im öffentlichen Leben zu verausgaben, sich in einer kontingenten Problematik aufzugeben. „Politik muss den Diplomaten und Militärs überlassen werden”, sagte Goethe mit einer Radikalität, der er nicht immer treu blieb. Das kontemplative Leben aufgeben, die großen geistigen Fragen durch triviale, konjunkturbedingte Sorge zu ersetzen – das heißt, das „Talent” zu opfern, das dir gegeben wurde. Ende der zwanziger Jahre machte Julien Benda diese These zum Kernpunkt eines Bestsellers. Für ihn sind die Gelehrten (les clercs) ganz besondere und eigenartige Lebewesen, die sich von der „weltlichen” Spezies der Menschheit deutlich unterscheiden. Sie führen eine Aktivität durch, der „jedwelches praktisches Ziel wesensfremd” ist. Frei von der Tyrannie der zeitgeprägten Interessen und zur Verzweiflung getrieben durch den „Realismus der Massen” sind die Intellektuellen „nicht von dieser Welt”. Zwangsläufig können sie von der Ebene der ewigen Prizipien auf das Niveau der momentanen Leidenschaften nur dann hinabsteigen, wenn sie eine Entstellung in Kauf nehmen. Der Wechsel der Intellektuellen ins Lager des Alltags-Pragmatismus und ihr Einstieg in den politischen Kampf stellen einen wahren „moralischen Umsturz” mit schwerwiegenden Folgen für die europäische Geschichte ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts dar.

Als der rumänische Philosoph Constantin Noica seinen Jüngern nahelegte, sich nicht auf einen kräftezehrenden Verschleiß-Konflikt mit den kommunistischen Institutionen einzulassen, so handelte er im Geiste von Benda. „Politik ist Meteorologie” – lautete Noicas Urteil. Man unterbricht seine Lektüre und sein Schreiben nicht, um Regen, Dürre und Jahreszeiten zu bekämpfen. Nur um einen umgestürzten Wagen am Wegrand flottzumachen, verpasst man nicht den Einzug ins Paradies...

 

Die Partizipation

Die Intellektuellen haben die Pflicht, sich am politischen Leben zu beteiligen, gerade weil ihre außergewöhnliche Begabung einer höchsten Qualifikation in der Kunst des Regierens gleichkommt. Aus solch einer Überzeugung ist das Modell des „Philosophenkönigs” geboren worden. Um gut geführt zu werden, muss die Gemeinschaft von einem Meister des Geistes geführt werden. Also nicht von einem „Vertreter”, sondern von der Ausnahme. Der Besitz der Wahrheit und die Ausübung der moralischen Unbestechlichkeit sind schließlich keine überall vorkommenden und allgegenwärtigen Gaben, keine „volkstümlichen” Güter. Demzufolge ist es selbstverständlich, dass nur diejenigen, die solch seltene Tugenden verkörpern, bei dem Regieren der Menge etwas zu sagen haben. Rein theoretisch entbehrt diese These nicht einer gewissen kalten Konsequenz. In der Praxis aber hat sie durch klägliche Ergebnisse versagt. Die politische Leistung der Intellektuellen (und zwar beginnend mit jener von Platon, der dem „Philosophenkönig” die metaphysische Geburtsurkunde ausstellte) ist oftmals prekär, utopisch, wenn nicht sogar richtig gefährlich. Mit guten Recht wurde festgestellt (u.a. von Wolfgang Müller-Funk), dass weder Nazismus noch Kommunismus Erfindungen der Arbeiter und Bauern waren. Im Gegenteil – sie waren hartnäckige, zielstrebige intellektuelle Konstruktionen, „Phantasien” von „Elite-Hirnen”.

Es gibt zugegebenermaßen auch das Gegenbeispiel einiger aufgeklärter Herrscher, die das Image des Intellektuellen-Anführers einigermaßen verbessern. Der politische „Platonismus” wird, moralisch gesehen, nicht von Platon selbst, sondern von einer Gestalt wie Havel gerettet, dessen Haltung den Dogmatismus der Platon’schen „Republik” allerdings sprengt. Wir müssen desgleichen zugeben, dass das politische Engagement der osteuropäischen Dissidenten und ihr Beitrag zur Sturz des Totalitarismus einigermaßen die Schande der sich anpassenden und fügenden katastrophalen Allianzen mit allen extremistischen Ideologien hervortaten. Nur solche Haltungen und Leistungen (Dissidenz, Zivil-Wachsamkeit, konkret den wahren Werten dienen) berechtigen das Vertrauen einiger zeitgenössischer Autoren (György Konrád zum Beispiel) und den Glauben an die Chance der Intellektuellen, das Antlitz der Welt zum Guten zu verändern.

 

Die engagierte Kontemplation

Zwischen den Intellektuellen, der unmitelbar am politischen Spiel teilnimmt, und jenen, der es ignoiert, drängt sich in letzter Zeit der Intellektuelle, der den Gang der Dinge von außerhalb des Strudels der Ereignissse beinflusst. Das ist – laut Timothy Garton Ash, in einem Beitrag in „New York Review of Books” – die für diesen Abschnitt der Geschichte angemessenste Verhaltensstrategie. Die Zeit des totalen Engagements ist vorbei. Es ist nicht mehr erforderlich, dass Intellektuelle Minister, Premierminister oder Staatspräsidenten werden. Wollen die Intellektuellen ihre Interventions-Kraft wahren, sollten sie solche Ämter eher meiden. Von ihnen wird jetzt nur verlangt, dass sie die Taten der Regierenden kritisch kommentieren und zum sozialen „Pol” der Besonnenheit werden. Im Vordergrund taucht wieder das Amt des „engagierten Zuschauers” auf – der Terminus stamt von Raymond Aron –, das einzige, das dem Wesen des Intellektuellen wirklich zusagt. Übrigens war sogar Julien Benda bereit, dem Gelehrten gewisse politische Exkurse zuzugestehen. Mit zwei Bedingungen: Er dürfe nicht der Staatsverwaltung angehören (mit anderen Worten, er muss unabhängig bleiben), und er dürfe den gelegentlichen „Exkurs” nicht zur konstanten Beschäftigung werden lassen.

Jenseits der aufgezählten Varianten bleibt jede Menge Raum für Nuancen. Dasselbe Individuum kann Umstände, Zustände und Krisen durchmachen, die ihn berechtigterweise zu jedwelcher nur vorstellbaren öffentlichen Haltung hinorientieren. Es gibt historische Umstände, in denen der Absentismus einer schuldigen Demission gleichkommt, doch gibt es auch Zeiten, die Zurückhaltung erlauben und rechtfertigen. Es gibt Zeiten des öffentlichen Forums und es gibt Zeiten der Klausur. Und schließlich gibt es die unendliche Vielfalt der Temperamente. Zurückgezogenen, kontemplativen, diaphanen Geistern kann nicht der Prozess gemacht werden, einfach weil ihnen die Passion für das Konjunkturelle fremd ist. So wie auch feurige Temperamente, die vom gemeinschaftlichen Sinn ergriffen sind, nicht gezwungen werden können von heute auf morgen Bibliotheks-Gebahren anzunehmen... Wir befinden uns auf einem Gebiet, das sich keinen Schematismen, keinen Rezepten beugt. Und die Welt der Tat ist weitaus umfassender, reicht weit über äußerliche Agitation und prometheischen Aufstand hinaus.

Wie ich bereits eingangs erwähnte, ist das am häufigsten ins Feld geführte Argument für das politische Engagement der Intellektuellen deren moralische Autorität. Natürlich ist eine Gleichstellung von Kultur und Moralität nicht gerade selbstverständlich, doch Fakt bleibt, dass jedesmal, wenn ein Intellektueller die öffentliche Bühne betritt, von ihm ethische Radikalität, Kompromisslosigkeit, groß- und edelmütige Haltung erwartet werden. In Klammer sei dazu bemerkt, dass dies alles Eigenschaften sind, die im Widerspruch zu politischer Effizienz stehen. Wünschenswert wäre folglich, dass sich der aufs politische Parkett begebende Intellektuelle einem Politiker nicht ähnelt. Es ist keineswegs Pflicht – sagt Havel mit einer immer blasseren Stimme –, dass die Politik die Ethik ausschließt. Denn schließlich besteht die Aufgabe des „Philosophenkönigs” auch darin, den Beweis für die perfekte Kompatibilität von Politik und Ethik zu erbringen. Sowohl Havels Erfahrungen der letzten Jahre (nach seiner Wiederwahl zum Präsidenten der Tschechischen Republik) als auch die Erfahrungen anderer von der Politik angesteckter Intellektuellen beweisen aber letztendlich, dass die Bemühungen, für beide Bereiche einzutreteten, ab einem gewissen Zeitpunkt – auf beiden Seiten – zu Malformationen führen, die nur schwer remediabel sind.

Derselbe Mensch kann sowohl Politiker als auch Intellektueller sein. Die Frage, die sich nun stellt, ist: Kann er beides zur gleichen Zeit sein? Der wahre Intellektuelle kann dem Protokoll des politischen Lebens, der Scheinheiligkeit der Diplomatie, der Ambiguität der Wahlreden nur Langeweile entgegenbringen. Er spürt seit einiger Zeit, wie er seine Identität verliert, dass seine von Regierungsgeschäften bestimmte Situation seine Sprache und Verhaltensweise ändert, dass die Fingerübungen des öffentlichen Lebens ihn zu unverdaulichen Allianzen und schroffen Aussagen zwingen. Genauso auch der Politiker – er verzweifelt an den Skrupeln und der Selbstironie des Intellektuellen, an dessen Hang zur Hamlet’schen Selbstergründung, an den analytischen Exzessen seines kontemplativen Geistes. Das Zusammenleben der beiden Gestalten unter ein- und demselben Dach entwicklelt sich zwangsläufig und fatalerweise in Richtung Schizophrenie. Um solch einen Ausgang zu vermeiden, gibt eine von ihnen nach: Entweder verblasst der Intellektuelle allmählich hinter dem Politiker (und so entsteht die Spezies des Politikers, der Bücher sammelt und Konzerte besucht, um seine alte Identität zu wahren), oder aber der Politiker lässt dem Intellektuellen die Oberhand, und dieser versucht – meist ohne Erfolg – seine alten Werkzeuge und Fertigkeiten wiederzuerlangen. In der Regel sind die Reflexe des intellektuellen Lebens nach einer intensiven Episode politischen Engagements stark beschädigt. Auf dem Weg von der Macht zurück in die Bibliothek stellt der Intellektuelle fest, dass er seine Unschuld verloren hat, dass er vom Virus der Kontingenzen, von der Leidenschaft des politischen Kampfes befallen ist. Gezwungenermaßen muss er Kant recht geben: „die unmittelbare Ausübung von Macht schadet zwangsläufig der freien Verwendung der Vernunft”.

Der Intelektuelle hofft – und so auch seine Anhänger –, dass seine Beteiligung am politischen Leben eine „Vergeistigung” der Macht als Ergebnis zur Folge hat. Doch existiert eine Kehrseite dieser Hoffnung: die exzessive Politisierung des intellektuellen Lebens. Wer eine Invasion der Werte auf die promiskuosen Mechanismen der politischen Welt starten will, der geht auf Schritt und Tritt das Risiko einer umgekehrten Kontamination ein: Heimtückisch und schleichend infizieren die Angewohnheiten, Fertigkeiten und Thematik der Macht den Metabolismus des Geistes. So geschah es im Falle vieler osteuropäischer Intellektuellen der jungen Generation, die sich nach 1989 von den verschiedenen mehr oder minder erhebenden und hohen Varianten der Politologie haben völlig absorbieren und aufzehren lassen. Toqueville und Hayek werden zu wahren „geistigen Meistern”, und die Fragen nach der optimalen Beziehung zwischen Staat und Individuum oder nach der Dynamik von Wahlsystemen werden in den Rang alles entscheidender Fragen erhoben. Selbstverständlich sollen und müssen Toqueville und Hayek gelesen und als hochklassige Gesprächspartner anerkannt werden. Das Problem aber ist, was man nicht mehr liest und welche Fragen man nicht mehr stellt, wenn man ihrer Faszination erliegt. Das Problem ist, wieviel Kontingenz kann der Geist ertragen und noch er selbst bleiben?

Was die osteuropäischen Intellektuellen nach 1989 experimentierten, das mussten die westeuropäischen Intellektuellen bereits in den fünfziger Jahren durchmachen. Die Verlockung der Agitation im Gegenwärtigen, das linksgerichtete Pathos der Debatten, das ideologische Fieber rund um edle „Sachen” und Belange haben den Mythos des „eingebundenen”, „verantwortlichen” und „wachsamen” Intellektuellen geboren, der die Stunden angeeigneter Lektüre durch eine äquivalente Zahl an Stunden legitimiert, die er auf der Straße, an Seiten des Volkes verbringt... In jenen Zeiten, als wir darunter litten, Platon nicht lesen und kommentieren zu können, genossen unsere westlichen Kollegen Marcuse und Garaudy. Nun sind wir an der Reihe, von Platon verwirrt und leicht gelangweilt zu sein. Diese fehlende Synchronität, der nicht vorhandene Gleichlauf zwischen östlichen und westlichen Intellektuellen ist ein Charakteristikum, eine bezeichnende Realität unseres Jahrhunderts, die noch nicht ausreichend analysiert worden ist.

Das Diagramm der intellektuellen „Schuld” verlief im Ablauf der Zeit zwischen diametral entgegengesetzen Grenzen: Vom Augenblick Benda, als der „Abstieg” in die Agora als Verrat eingestuft wurde, bis heute, da die Nicht-Teilnahme als unwürdiger Abschied gilt. Die „Wahrheit” in einem Mittelweg zu suchen, ist zwecklos. Ungeachtet aber dessen, wohin uns die eine oder andere Konjunktur drängt, müssen wir einsehen, dass wir nicht über die Intellektuellen sprechen können, ohne ihnen einen „spezifischen Unterschied” zuzugestehen. Und dieser spezifische Unterschied des Intellektuellen, dieser Bereich, den sich niemand an seiner Stelle anmaßen kann, hat nicht allzu viele Schnittpunkte mit dem Bereich der Politik. Der Politiker verfügt über die Kompetenz der für die Gemeinschaft nützlichen Werte, der Intellektuelle über die Kompetenz der Einsamkeiten. Der Politiker kann nur offensiv, dynamisch, handwerklich handeln, der Intellektuelle handelt eher durch das Ansehen seiner Präsenz, durch statische Ausstrahlung, durch Haltung. Der Intellektuelle kann – und muss manchmal – die politische Bühne betreten. Doch er tut es immer mit dem Gefühl, dass sein „Engagement” ein Exil ist und dass er früher oder später „nach Hause” zurückkehren muss. Ohne diese ständige Nostalgie dessen, was ihm ureigen ist, fällt der politisch aktive Intellektuelle unter seinen Status als Intellektueller, genauso wie Ulysses ohne die Besessenheit auf Ithaka nur ein gewöhnlicher, zu jedem nur vorstellbaren Schiffbruch und Scheitern bestimmter Abenteurer wäre.