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I.
Ergänzung: Vergangenheit und Fortsetzung

 

Liebe Freunde!
Alles hat eine Geschichte, aber längst nicht alles hat auch eine Zukunft – so stellten wir im Vorjahr am 29. September 2011 fest, wohl auch an unser eigenes Schicksal denkend, als wir das 20-jährige Jubiläum des Institutes und damit verbunden den 70. Geburtstag des Direktors feierten. Und wir feierten ebenfalls bei diesem Anlass die Lebenskraft, die es zustande brachte, dass eine Festschrift „von Gewicht“ – gewichtig sowohl im wahren Sinne des Wortes als auch in Hinsicht auf der darin enthaltenen geistigen Werte – in englischer und deutscher Sprache gemeinsam vom Europa Institut Budapest und der Österreichischen Akademie der Wissenschaften herausgegeben wurde.

Wie wird wohl die Zukunft des Europa Instituts als Institution aussehen? – fragten viele von uns an dem besagten Abend. Sowohl in den Festreden als auch in den anschließenden Unterhaltungen. Was werden wir, die europäischen, ostmitteleuropäischen Intellektuellen, in dieser wandelnden Welt anfangen? (Ich darf diesbezüglich in Klammern hinzusetzen, dass wir uns über unsere Institutionen, und zwar nicht allein über das Europa Institut Budapest, sondern ebenfalls über unsere Akademie, Lehrstühle, Forschungsinstitute und natürlich über uns selber, die nunmehr um die 70 sind, unterhalten haben.) Denn als wir an 1989/1990 dachten und uns über diese Zeit unterhielten, erinnerten wir uns ebenfalls an all den Weltwandel dieser Jahre, der von unserer Generation die Neugestaltung ihres Lebensprogramms forderte. Von uns, die damals in den mittleren Jahren waren, und heute bereits an der Schwelle des Altseins angelangt sind. (So der in unserer Region einsetzende politische Systemwandel von 1989/1990 und die in Europa bereits abgeschlossene politische Veränderung, die Wiedervereinigung Europas, der Abschluss des Kalten Krieges in der Weltpolitik, unser plötzlich aufbrechender Wunsch nach Bewegung in der Welt… usw. Wir sagten ja so gleich – in den Festreden und später bei unseren Unterhaltungen, das Abendessen war vielleicht sogar nach Wiener Maßstäben recht gut – dass die weltpolitische Stellung der ostmitteleuropäischen Region und sogar Europas längst nicht derselbe ist als vor 20 Jahren. 1989/1990 rückte die Region, das Grenzgebiet der sowjetischen und westlichen Zone, ins Zentrum der Weltpolitik, zumindest für einige Jahre. Die Aufmerksamkeit der Welt wurde hierher und auf uns gelenkt, wie in diesem Teil der Welt die Anpassung an das nunmehr einpolige Weltsystem vor sich geht – in den Köpfen der Generationen, die in einer geographisch und geistig geteilten Welt aufgewachsen sind. In einer uns aufgezwungenen seelischen Geteiltheit – denn es ist eine nicht zu unterschätzende Kraft, wenn man gezwungen ist unter den gegebenen Umständen die Selbsterhaltung zu gewährleisten. Wie wir sagten: damals 1989/1990 bedeutete es ein auf die Individuen und Institutionen bezogenes Programm auszuarbeiten, das die hier lebenden kleinen nationalen Kulturen in die europäische Kultur „zurückführt“ und zwar auf der Ebene des öffentlichen Denkens und der Institutionen; das Staatsverwaltungssystem sowie das Bildungs- und soziale Versorgungssystem in der Region neu einzurichten; das Verhältnis, die „neue Ordnung“ mit der natürlichen Umwelt auszubauen. Wie wir sagten: Unserer Generation schwebte ein klares Programm vor den Augen: während der Besatzung die lokalen Institutionen aufrecht zu halten und dazu beizutragen, dass diese annähernd auf dem Niveau der führenden Kulturen in der Welt gehalten werden, dass unsere Institute für Wissenschaft und öffentliche Kultur aufholen und der allgemeine Bildungsstand der Nation instand gehalten wird. Es war klar, dass sobald sich eine Gelegenheit dafür bieten würde, sollte der politische Systemwandel vollzogen werden. Es war klar, dass nach all dem die europäische politische Einheit geschaffen und in dieser neuen Ausstattung die Interessen der lokalen – nationalen und regionalen – Faktoren innerhalb der europäischen und globalen Weltordnung geltend gemacht werden sollen. Wie wir sagten: Die Effektivität der Leistungen unserer Generation werden höchstwahrscheinlich auf Grund von Fragebogen ermessen werden, in denen sich die Fragen vorwiegend auf diese Themen beziehen werden.

Aber wir sagten an diesem Abend des 29. September des Vorjahres auch: 2011 beschäftigen die Welt längst andere Themenbereiche: die sich global auswirkende Krise des Verhältnisses zwischen Mensch und Natur, nicht zuletzt die Zukunft der Energie und Wasserwirtschaft, im Weiteren die Migration, die nunmehr seit vier Jahrzehnten aus dem Fernen Osten, Afrika, Südamerika in Richtung der von den euroatlantischen, weißen Menschen bewohnten Welt begonnen hat, und deren Zielgebiet eindeutig die europäische Halbinsel sein wird; wobei dies zu einer bedeutenden Veränderung der Zusammensetzung des Menschenmaterials in Europa – die Gesellschaft des weißen Menschen von gestern – haben wird. (Wie dies bei der letzten großen Völkerwanderung vor 1500 Jahren bereits geschehen ist, u.a. unter besonderer Mitwirkung der Germanen, Slawen, ja und von uns Ungarn.) Wie wir auch sagten: sollten wir heute ein Europa Institut gründen wollen, so müssten wir uns bereits diesen Problembereichen zuwenden. Als wir uns über die Zukunft des Instituts unterhielten, sagten wir auch, dass wir 2011 die Entstehung einer neuen Weltordnung in Europa beobachten können, der in den 1960-er Jahren ausgebaute Sozial- und Wohlfahrtstaat ist im Wandel. Damit verbunden können wir als Teilphänomene dieses Prozesses die Stärkung des Staates – eben in Folge der anbrechenden Wirtschaftskrisen – und den Zerfall der 150 Jahre andauern-den Harmonie zwischen der staatlichen- und Privatsphäre beobachten. Und zwar trotz der Tatsache, dass sie aufeinander angewiesen sind. Es sind nicht nur die Bank- und die staatliche Sphären, der Markt und die Politik, die nicht in Frieden miteinander leben, sondern die private und staatliche Sphäre im allgemeinen, die nicht länger eine Einheit bilden als in der Zeit zwischen 1960 und 2010. Zwischen 1960 und 2010, als der Staat für die Betreibung der kulturellen und sozialen Versorgungssystem Partner aus der Zivilsphäre suchte, und sich hierbei der angelsächsischen Praxis der Matching Funds bediente. Und das Europa Institut Budapest war eines der – mittelgroßen – europäischen kulturpolitischen Unternehmen dieses Systems.

Währenddessen – genauer gesagt auf Grund der Entscheidung des Stiftungsrates vom 22. November 2010 – einigten wir uns auf die Änderung der vom Institut ausgeführten Programme und auf die Ausarbeitung von neuen Schwerpunktthemen: Wir wandten uns mit voller Kraft der Werkstattarbeit zu – denn die Blütezeit des Wissenschaftstourismus und der großangelegten Konferenzen war vorbei. Das neue Programm umfasste 4-6 Werkstattveranstaltungen. (Bereits im Oktober 2011, gleich nach Abschluss der Jubiläumsfeierlichkeiten, starteten wir den Europa Klub, in dessen Rahmen wir bis zum heutigen Tag nunmehr 4 blendend gelungene Veranstaltungen abgewickelt haben.) Wie wir sagten: es sollen Werkstattpublikationen entstehen – zu einem die Aktualisierung des elektronischen Kommunikationssystems, denn der Internet ist weit effektiver als die früheren Konferenzen – und wir starteten auch die Periodika „In Europa“, die viermal jährlich als Beilage der in 13.000 Exemplaren publizierten Zeitschrift „História“ erscheint, wobei wir ebenfalls hoffen, dass diese als Beilage zur Zeitschrift „Technika“ [Technik] und „Természet Világa“ [Die Welt der Natur] erscheinen wird. Wie wir sagten: Mit Bezug auf die Themenwahl sollte der lokalen Natur und Wirtschaft bezogenen Problembereiche der europäischen Integration mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden. Denn wir haben in der Zeit zwischen 1992 und 2004 das Bauwerk der Europäischen Union errichtet, und jetzt folgen die „zwei langen Jahrzehnte“ der Einrichtung dieses Bauwerks. Und wir sollen den verbliebenen Anteil unserer Energien der Bildung zuwenden (etwas, was nicht unbedingt eine Erfolgsgeschichte darstellt, weder in der Geschichte unseres Instituts, noch im Wirken der europäischen Intellektuellen des geisteswissenschaftlichen Bereichs).

Liebe Freunde!
Ich möchte Euch daran erinnern, dass die vergangenen zwei Jahre, die Zeit seit November 2010, im Zeichen dieser „großen Wahrheiten“ verlaufen sind. Sowohl die Festveranstaltungen des Jahres 2011 als auch die persönlichen Konsultationen, die an diese anlehnend stattfanden. (Die diesbezüglichen Dokumente habe ich Euch schriftlich zukommen lassen. Mitunter den „letzten formellen Jahresbericht“ vom 18. Juli 2011), die Texte der Jubiläumsfestreden (vom 29. September 2011) und den Veranstaltungskalender des Jahres 2011-2012.)

Liebe Freunde!
Jetzt, im Juni 2012 lege ich Euch eine „Ergänzung“ und einen „Vorschlag zur Fortsetzung“ vor. Ich möchte meinen, bei der Jubiläumsveranstaltung verlauteten Vortrag ergänzen: In diesem sprach ich über die 20 Jahre des Instituts. Jetzt möchte ich diesen Rückblick weiter ergänzen, und nunmehr nicht über das Institut, sondern über die Arbeit des wissenschaftlichen Teams sprechen. Denn der Wissenschaftliche Beirat und der Stiftungsrat fungierten in den vergangenen 22 Jahren nicht ausschließlich als ein übliches formelles Gremium, sondern als ein wissenschaftliches und wissenschaftspolitisches Team, als eine geistige Werkstatt. (Etwas, was in der Geschichte – und noch weniger in der Zukunft – der meisten wissenschaftlichen Institute längst nicht als üblich zu betrachten ist.) Und ich möchte hier einen Vorschlag bezüglich der Fortsetzung vorlegen, nunmehr nicht allein über die Fortsetzung der Tätigkeit des Instituts, wie ich dies im Vorjahr tat, sondern ebenfalls über die Fortsetzung der Aktivität des Wissenschaftlichen Beirats, des Teams der Beiratsmitglieder – wenn dies ein formeller Jahresbericht wäre, so würde ich das Wort Tätigkeit anstelle von Aktivität benutzen.

A.)
ERGÄNZUNG:
aus den Kollegien wird ein Team 

 

Die Rückerinnerungen und die Korrespondenz des Instituts sowie des Direktors zeugen davon, wie dieses Ratgebergremium, bestehend aus dem Wissenschaftlichen Beirat und dem Stiftungsrat des Instituts, organisiert war. Und auch, wie diese zwei Kollegien mit der Zeit ein Team bildeten. (Wir haben nämlich mit der Bearbeitung der Glatz’schen Dokumentensammlung begonnen, die eine Länge von 130 laufenden Meter beträgt, wobei wir ebenfalls auf Grund der vorliegenden Materialien mit der Vorbereitung von Rückerinnerung begonnen haben.) Im Vorjahr hatten wir des Öfteren Gelegenheit uns zurückzuerinnern, auch aus dem Grund, weil ich nach der Jubiläumssitzung im September 2011 die Mitglieder des Beirats und des Stiftungsrats – eine Ausnahme bildete mein lieber Freund Andrei Pleşu -- auch persönlich aufsuchte. Wir sollten zum Teil über die Vergangenheit, zum Teil über die Zukunft, somit über die Zukunft des Instituts und der hier tätigen Personen sprechen. Aber auch über uns, über die Mitglieder des Teams. Ja, und selbstverständlich über die Zukunft der europäischen und der ostmitteleuropäischen Region. Eine Region, deren Geschichte und Zukunft den Gegenstand der Forschungen des Instituts bildete und bildet – zumindest so lange bis das Institut bestehen bleibt.

 

Vorgeschichte: Berufliche Freundschaften, 1970-1990

Das durch persönliche Kontakte gekennzeichnete Beziehungssystem, das die Grundlage für das Team des Europa Instituts Budapest bildet, formte sich bereits in der Zeit vor der Gründung des Europa Instituts Budapest in den 1980-er Jahren. (Der Systemwandel wird heutzutage allerdings mit Vorliebe so dargestellt, als wären die Vorereignisse der Wende das Werk einiger später entsprechend gut illustrierten oppositionellen Gruppierungen. Und es ist ebenfalls war, dass diese gerne so über die Zeit vor 1990 – die Zeit der sowjetischen Besatzung – berichten, als hätten damals ausschließlich diktatorisch veranlagte „Bediener“ des Systems gelebt. Als hätte es nicht eine bedeutende Mehrheit gegeben – unter den Intellektuellen, in der Produktions- und Dienstleistungssphäre –, die die lokale Gesellschaft, ihre Kultur und ihr wissenschaftliches und soziales Versorgungssystem auch in der Zeit der sowjetischen Besatzung aufleben ließ und am Leben erhielt. Es ist eine verständliche und aus der Geschichte wohl bekannte Vorgehensweise: die neu angekommenen „Wachablöser“ versuchen – außer sich selbst – alles Vorhergehende, jedes Vorereignis und jede organische Entwicklung im Interesse der Legitimation der neuen Positionen und ihrer eigenen neuen Machtstellung auszuschalten.)

Es sollte vielleicht als Erstes auf das Beziehungssystem der österreichischen und ungarischen Historiker aus den 1970-es und 1980-er Jahren hingewiesen werden, auf die kollegialen Freundschaften, die sich im Laufe der Monarchie-Forschung gebildet haben: zwischen den Professoren Richard-Georg Plaschka, Péter Hanák, György Ránki und uns Jungen: Arnold Suppan und Horst Haselsteiner – der als Kollege allen ungarischen Historikern helfend zur Seite stand. Und wir nahmen stets die nach uns kommenden jungen Generationen mit uns, denn die Kontinuität kann nur mittels der Stein um Stein aufeinander aufgebauten Institutionen und Generationen gewährleistet werden, und so nahm ich stets Attila Pók mit. Noch vor der Gründung des Instituts erschien im Bekanntenkreis der Wiener Ungarn Erhard Busek, der im österreichischen politischen Leben der erstrangige Vertreter der Idee der österreichischen Verbundenheit in Richtung Südosteuropas war.

 

Kulturpolitik des Systemwandels, 1989

Im Mai 1989 wurde sodann die auf wissenschaftliche Beziehungen beruhende Bekanntschaft mit politischem Inhalt gefüllt, als Ferenc Glatz, also ich, unerwartet zum Minister ernannt wurde. Der neue Kurs kündigte im Bereich Kulturpolitik eine aktive Nachbarschaftspolitik an, ja und außerdem ein Programm für den Fremdsprachenunterricht. (Nachdem wir – als Erste in der sowjetischen Besatzungszone – das Pflichtfach Russisch aus dem Curriculum des schulischen Sprachunterrichts strichen, wodurch die Anzahl der Unterrichtsstunden für Englisch, Deutsch und Französisch anstieg, entstand plötzlich ein steigender Bedarf an Sprachlehrern aus dem Westen. Wir luden somit Lehrer aus dem Ausland, somit ebenfalls aus Österreich, ein.) Ich bat meine Historikerfreunde aus Wien darum, dass sie die Rolle des Vermittlers zu dem zur gleichen Zeit in den Ministersitz gelangten Erhard Busek übernehmen sollten. Sie waren es – Arnold, Horsti und Richard-Georg, die das erste Minister-Arbeitsessen organisierten. Bei dem Glatz-Busek-Treffen entstanden Programme, aber nicht allein in Verbindung mit der Versendung von Sprachlehrern, sondern auch hinsichtlich einer umfassenden ungarisch-österreichischen kulturpolitischen Aktionsreihe, für die wir in Form einer gemeinsamen Stiftung Fördermittel bereitstellten. So wurde die Aktion Österreich-Ungarn ins Leben gerufen, die von österreichischer Seite Jahrzehnte lang von Horst Haselsteiner und von ungarischer Seite von Károly Manherz präsidiert wurde. Károly Manherz war ohnehin der erstrangige Mitarbeiter des ungarischen Ministers in den Bereichen Hochschulbildung, Wissenschaft und kulturelle Angelegenheiten, nachdem der Minister ihn, den früheren Kollegen von der Universität, ins Ministerium mitgenommen hatte, wobei die Freundschaft bereits aus der Zeit herrührte als Manherz der Vorsitzender der ungarnländischen Deutschen war. (Wenn wir uns die Namen der hier erwähnten Kollegen der Reihe nach ansehen, so finden wir sie später, nach 1990, unter den Mitgliedern des Wissenschaftlichen Beirats und des Stiftungsrats des Europa Instituts Budapest wieder. Und wir sollten dem hinzutun: bis zum heutigen Tag.) Und wir erinnern uns aus dieser Zeit an den im Ministerium tätigen Abteilungsleiter für deutsch-österreichische Angelegenheiten, György Kovács, der später als einer der stellvertretenden Direktoren im Europa Institut Budapest diente, von der Gründung des Instituts bis zu seinem Tod im 1999. Und wir erinnern uns an den damals Jüngsten unter uns, den anderen stellvertretenden Direktor, der mittlerweile ebenfalls das Rentenalter erreicht hat, Attila Pók, den ich 35 Jahre lang überall mitnahm und der stets mir zur Seite stand – mal hinter und mal neben mir. Aus der Zusammenarbeit des ungarischen und des österreichischen Ministers entstand eine Freundschaft. (Erhard Busek war bis 2005 Mitglied des Stiftungsrates des Europa Instituts Budapest, wobei er regelmäßig an allen Jahressitzungen anwesend war, sich aktiv an der Arbeit beteiligte, Vorträge hielt und an den laufenden Diskussionen teilnahm.) Es folgten die in regelmäßigen Zeitabständen stattfindenden gemeinsamen politischen Auftritte, und die beiden Minister übernahmen sogar den gemeinsamen Vorsitz der intergouvernementalen Kommission für die Weltausstellung Wien-Budapest.

 

Der Minister mit Plänen für eine Institutsgründung und ein Mäzen mit der Bereitschaft zu einer Stiftung

Die Idee der Gründung des Instituts führt uns ebenfalls in diese Zeit, die Monate des Systemwandels, zurück. In der ersten Hälfte des Monats September 1989 öffnete die ungarische Regierung die Staatsgrenzen für die DDR-Bürger, die nach Ungarn geflüchtet waren, wodurch sich das Land und das „System“, das eine solche Leistung innerhalb der sowjetischen Besatzungszone erbringen konnte, eine enorme Prestige verschafft hatte. Es meldeten sich in erster Linie Unternehmer aus Deutschland, die ebenfalls mit der politischen Unterstützung ihres Landes zu Investitionen bereit waren. Auch die Gruppe gehörte in die Reihe dieser Unternehmer, die aus dem deutschen Sprachgebiet – Deutschland, Österreich, Schweiz, Liechtenstein – gekommen war und sich für Stiftungsgründungen im Bereich Kultur offen zeigte. Unter den Mitgliedern dieser Gruppe, die das Ministerium für Kultur aufsuchte, befand sich Sen. Herbert Batliner. Er war bei unseren amtstragenden Beamten bereits bekannt für seine Mäzenaturtätigkeit, mitunter für die Förderung der deutschsprachigen Kultur in den deutschsprachigen Gebieten und auch für die Unterstützung ungarischer Bildungsinstitutionen in Deutschland. Als der Minister in seiner improvisierten Ansprache den Unternehmern die konkreten Pläne des Fachbereichs Wissenschaft, die geplante Öffnung in Richtung Europa, mitunter die Gründung eines Europa Instituts in Budapest darlegte, stand Sen. Batliner auf und bot eine größere Summe zur Gründung eines solchen Instituts an. (So wurde er persönlich und die von ihm geleitete Peter Kaiser Stiftung der Gründer des Europa Instituts.) Und so wurde „Herr Batliner“ – für mich und Erhard Busek „Herbert“ – Mitglied des Stiftungsrats, und zwar bis 2005. Er nahm ohne Ausnahme an allen Jahressitzungen teil und bereitete sich stets auf Grund der ihm zugesandten Studien auf die Sitzung vor – bei dieser „Vorbereitung“ wandte er sich mit besonderer und ins Detail gehender Aufmerksamkeit dem Wirtschaftsbericht zu. Wir, die drei guten Freunde – Sen. Batliner, Erhard Busek und ich – haben bis heute nicht darüber gesprochen, ob Sen. Batliner bereits vor seinem Besuch in Budapest über die Freundschaft zwischen dem österreichischen und ungarischen Minister gewusst hat? Ich habe ihm diese Frage auch nicht gestellt als es mir später, nach 1990, klar wurde, dass Sen. Batliner die kulturpolitischen und die Kunst fördernden Programme von Erhard Busek in Österreich sowohl finanziell als auch mit seinem allgemein bekannten organisatorischen Talent und internationalem Einfluss aktiv unterstützte. Wie wir uns auch darüber nicht unterhalten haben – denn es gibt immer so vieles, worüber wir unbedingt „sprechen müssen“ und es bietet sich so selten eine Möglichkeit hierfür, wir treffen uns nämlich das eine oder andere Mal im Jahr, allerdings seit nunmehr 20 Jahren, was alles in allem gar nicht so wenig ist – ob Herbert mein Name vielleicht aus der Umgebung von Helmut Kohl bekannt war. In der Németh-Regierung war ich nämlich „der Minister, der Deutsch kann“ und der – gemeinsam mit Károly Manherz – Beziehungen nicht nur zu den deutschen Regierungsverwaltungen für den kulturellen Bereich in Baden-Württemberg und Bayern pflegte, sondern ebenfalls mit den Regierungspartnern in Bonn. Unter anderem mit Teltsik, der damals in einem gewissen Sinn als allmächtig galt und für seine Ungarnfreundlichkeit bekannt war. Wir haben erst später mit Sen. Batliner – und Kanzler Kohl – geklärt, dass sie, d.h. Kohl und Batliner, Freunde sind, und nachdem ich 2003 das Große Ehrenkreuz der Bundesrepublik Deutschland erhielt.

Jetzt aber zurück in das Karpatenbecken!

 

Neue Freunde zur Zeit des Epochenwandels

Es kam der „heiße Herbst“ des Jahres 1989. In den Wochen nach der „samtenen Revolution“ in der Tschechoslowakei erschien ich selbstverständlich sogleich in Preßburg zu einem Treffen, um zu einem über die ungarische Kultur und zum anderen über gemeinsame Aktionen in Europa zu sprechen. (Meine slowakischen Freunde aus der Universitätszeit waren mittlerweile in führenden politischen Positionen.) Dort liefen sich ich und Erhard Busek erneut über den Weg, denn war er der Unterstützer des neuen – christlich demokratischen – Vize-Ministerpräsidenten Ján Čarnogurský. (Nach 1990 traten wir drei des Öfteren in Österreich auf, bis ich mich in Folge der höflich aber konsequenten Ungarnfeindlichkeit von Ján Čarnogurský gezwungen sah Abstand zu halten.)

Dann kam der Monat Dezember, die Revolution in Rumänien, und als Minister reiste ich bereits im Januar nach Bukarest (mit Zoltán Szász, der nunmehr seit anderthalb Jahrzehnten mit uns gemeinsam arbeitet, auch gegenwärtig Professor unseres Instituts ist als Fachexperte für die Geschichte Rumäniens und für Kulturpolitik), wo wir mit den Ministern für Kultur der neuen Regierung, in erster Linie mit Andrei Pleşu, gemeinsame rumänisch-ungarische kulturelle Programme ausarbeiteten. Am zweiten Abend unterhielten wir uns bereits über das Folgende: wenn das von mir geplante Budapester Europa Institut zustande kommt, würde er eine führende wissenschaftliche Rolle darin übernehmen. Er wurde schließlich Gründungsmitglied des Wissenschaftlichen Beirats, und ist dies bis heute noch. Und er verzaubert weiterhin jeden mit seiner europäischen Gebildetheit und seinem außer-gewöhnlichen Humor ohne Gleichen. (Wir führten die Unterhaltung auf Deutsch. Es stellte sich heraus, damals in den Monaten des Systemwandels – im Sommer 1989 bzw. Anfang 1990 –, wie viel die Bundesrepublik Deutschland sowie Österreich mittels ihrer Öffnung in Richtung der östlichen Außenpolitik und der aktiven Durchführung ihrer östlichen-südöstlichen Kulturprogramme in den 1970-1980-er Jahren dafür getan haben, dass sich in der ostmitteleuropäischen Region mehrere Gruppen junger Reformintellektuelle formten, die auf ihren Stipendiumsreisen ihre eigenen politischen Zukunftsbilder in den europäischen Demokratien entwickelten. Und die bereits in den 1970-0990-er Jahren zu überzeugten Vertretern des europäischen Einheitsgedanken wurden. Sie bereiteten sich nicht auf einen gegen das System gerichteten Guerilla-Kampf vor, sondern auf die Bewahrung und Kraftgewinnung der nationalen und europäischen kulturellen Traditionen in den unter Besatzung stehenden Staaten und auf die Lockerung des Systems. Allerdings waren sie nicht so lautstark wie unsere Intellektuellenfreunde, die mit den in den USA lebenden Emigrés und den sich für die Lockerung des Systems einsetzenden US-amerikanischen Institutionen zusammenarbeiteten. Und bei diesem Anlass stellte es sich ebenfalls heraus: Die deutschen und österreichischen konservativen Parteien und Stiftungen waren im Bereich der östlichen Kulturpolitik weit aktiver tätig als die für die Öffnung gepriesenen Sozialdemokraten, die wiederum aktiver in der Gestaltung der parteipolitischen Beziehungen involviert waren. Über diese politischen Hintergrunderscheinungen, somit darüber welchen politischen Richtungen unsere deutsch-österreichischen, später französischen und englischen Freunde angehörten, sprachen wir – wie gewohnt – nicht miteinander. Auch heute sprechen wir nicht hierüber. Trotz der Tatsache, dass wir wussten, denn es war ja allgemein bekannt, wer Erhard Busek im politischen Sinn ist oder hinsichtlich seiner weltanschaulichen Einstellung welcher Seite unser Gründer und Freund Sen. Herbert Batliner angehört.) Nun aber zurück zu Andrei Pleşu: Pleşu reiste kurz darauf nach Budapest und wir unterzeichneten eine gemeinsame kulturelle Vereinbarung – und zwar so, dass wir ohne die Verwaltungsbeamten einzubeziehen, unter vier Augen, auf Deutsch den Text der Vereinbarung korrigierten, die wir hierfür übersetzen ließen –, ich stellte ihn meinen Budapester, damals noch oppositionellen Freunden vor, er lernte das sich in der Zwischenzeit formende Europa Institut Budapest kennen und er begann die Gründung seines eigenen Europa Instituts in Bukarest…

 

Rekrutierung der Teilnehmer des Teams in Europa

Inzwischen wurde die Gründung des Europa Instituts in die Wege geleitet und Sen. Batliner sandte seinen damals besten Mann, Prof. Alois Riklin, nach Budapest. In dieser Zeit wurden die Verhandlungen bereits von Károly Manherz geleitet. Alois Riklin war am fleißigsten am Werk als es um die Gründung des Europa Instituts ging. Er arbeitete so präzise wie ein Schweizer und er war so verlässlich wie ein Schweizer. Er wurde nicht nur einer der Gründungsmitglieder des Wissenschaftlichen Beirats, der sich stets für alles interessierte, sondern unser innigster Freund, auch nachdem er aus dem Wissenschaftlichen Beirat ausschied, denn er hielt jährlich Vorträge im Europa Institut und lernte durch uns die Budapester Intellektuellen- und wissenschaftlichen Kreise kennen.

Es war wiederum der Systemwandel, der den anderen aus dem Ausland kommenden „Stützen“ des Wissenschaftlichen Beirats in die Nähe von Budapest und später in unseren Kreis brachte, wir sprechen hier von Ferenc Fejtő, den in Paris lebenden François Fejtő. Ich lernte ihn ebenfalls vor der Gründung des Instituts kennen, und zwar in Paris mittels meiner zwei französischen Partner während meiner Ministerzeit, Lionel Jospin und Jacques Lang. Den Letzteren, Lang, lud ich auch nach Budapest ein, zeigte ihm den Plan für die Gründung eines Europa Instituts, es war bereits Frühjahr 1990, ich erklärte, dass es ein deutschsprachiges Institut sein wird und dass ich vorschlage, dass er französische Investoren für die Gründung eines ähnlichen französischsprachigen gemeinsamen – ungarisch-französischen – Instituts suchen sollte. Lang erklärte, und hierüber hat Fejtő viel gelacht: In Frankreich werden solche und ähnliche Aufgaben vom Staat übernommen, die Aufstellung von Matching Funds, also die Kooperation zwischen privaten und staatlichen Mitteln, gehört nicht in den von ihnen präferierten Aufgabenbereich, und überhaupt sind sie so sehr beschäftigt damit die kulturellen Ansprüche der in den französischen Kolonien lebenden Franzosen gerecht zu werden, dass sie keine aktive osteuropäische Kulturpolitik inaugurieren können. Auch Fejtő wurde unser Freund. Er wurde nicht nur Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat, sondern er besuchte uns, mich – und ebenfalls das Institut –, regelmäßig, er war bis zu seinem Tod mein guter Freund. Und er trug viel dazu bei, dass ich mit dem Vatikan als Minister, später als Institutsdirektor, sodann als Präsident der Akademie kirchliche-kulturelle Beziehungssysteme aufrecht halten konnte.

Und um die Liste der ausländischen Beiratsmitglieder fortzusetzen: Auch der Gründungsmitglied des Beirats, Professor Karl Otmar von Aretin, war noch vor dem Systemwandel einer der Erhalter unserer fachlichen Weltbeziehungen. Er war Direktor des Instituts für Europäische Geschichte in Mainz, wo ich 1972 ein ganzes Jahr, und später mehrere Mal 2-3 Monate verbrachte, und nach dessen Muster ich mir ein Europa Institut in Budapest vorstellte. Es war selbst-verständlich, dass wir ihn in den Wissenschaftlichen Beirat einluden. Er war es übrigens auch, mit dem wir uns in den 1980-er Jahren im Weltverband der Historiker in enger Zusammenarbeit „organisierten“: Ich war der Generalsekretär der einen „Unterkommission“ („Quellenkritik der Neu- und Neuesten Zeit“) und bat ihn den Vorsitz unserer Kommission zu übernehmen, so trafen wir uns regelmäßig und nahmen gemeinsam an Konferenzen teil. Unter den ständigen Mitarbeitern des Europa Instituts, „der stabile Kernstab“, waren früher außer mir Zoltán Szász, Attila Pók und Kornélia Burucs Stipendiaten im Mainzer Institut.

Und nun über Dušan Kováč – denn meine österreichischen Freunde aus meiner Jugendzeit, Arnold Suppan und Horst Haselsteiner, habe ich bereits in der Einführung erwähnt. Dušan, den anderen seit langen Jahren ständigen Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats, haben wir nach der Gründung ins Institut eingeladen. Sein Name war uns hier in Budapest längst bekannt, in erster Linie mittels unserer ungarischen Wissenschaftlerfreunde und unserer offiziellen Beziehungen, da er Leiter der Abteilung für neuzeitliche Geschichte war. Er galt als der „akzeptable“ Gesprächspartner, sogar in den Augen der radikal national-gestimmten in Ungarn. Und das ist… Ich lernte ihn nach dem Systemwandel in der Tschechoslowakei kennen in seiner Funktion als der neue, in Folge des Systemwandels in den Sitz des Direktors des Instituts für Geschichte der Slowakischen Akademie der Wissenschaften gelangten Professor, eben bei der slowakisch-ungarischen kulturellen und wissenschaftlichen Konferenz, die vom Europa Institut und dem akademischen Institut für Geschichte gemeinsam organisiert wurde. Das Einvernehmen erweckte gegenseitige Sympathie und führte zur gemeinsamen Arbeit sowie gegenseitige Freundschaft. Wir riefen ihn selbstverständlich überallhin mitzukommen, wohin wir bzw. ich eingeladen wurden: durch mich zu Bertelsmann, durch Horst Haselsteiner und Arnold Suppan nach Wien und dann zu den von Horst Haselsteiner organisierten Payerbacher Hofgesprächen, und zwar jährlich. (Später gegen Ende der 1990-er Jahre arbeiteten wir auch außerhalb des Europa Instituts Budapest zusammen: ich wurde der Präsident der Ungarischen Akademie der Wissenschaften und er der Generalsekretär und später Vizepräsident der Slowakischen Akademie der Wissenschaften. Wir sollen dem hinzutun: bald wurde auch Arnold Suppan – der auch im Wissenschaftlichen Beirat stets der von ihm gewohnte aktive und arbeitsame Mensch war – Generalsekretär und später Vizepräsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Zwischen 1989-1994 wurden die Mitglieder der Gesellschaft, die im Europa Institut Budapest eingebunden waren, zu einflussreichen Persönlichkeiten des geistigen Lebens in den ostmitteleuropäischen Staaten. Und wir sollten hier auch Pleşu nicht vergessen: er wurde zum zweiten Mal Minister, nunmehr der Außenminister Rumäniens und Ratgeber des Präsidenten. Und die Freundschaft blieb in all diesen Jahren bestehen. Bis zum heutigen Tag. Denn, wie wir dies immer sagten – zumindest nach dem zweiten Glas Bier –, die Gelegenheit schafft Kollegialität und die Anschauungsgemeinschaften sowie die gemeinsamen Unternehmen schaffen die Freundschaft. Und wir sagten auch: es sind die Institutionen, so auch das errichtete Europa Institut, das die Freundschaften zusammenhält, Foren für den Meinungsaustausch bietet, die sodann die Intellektuellen einander näher bringen. Und die letztendlich ein Team bilden…)

 

Die heimischen Mitglieder des Teams

Das Europa Institut Budapest brachte als ein Institut des Systemwandels die ungarischen Mitglieder des Wissenschaftlichen Beirats und des Stiftungsrats zusammen, soz. unter einen Hut. Aber das „Beziehungsnetzwerk“ wurde auch hier in den Vorjahren ausgebaut. Domokos Kosáry war damals bereits seit zwei Jahrzehnten für mich ein väterlicher Freund. Wegen 1956 war er im Gefängnis, später lebte er in den Archiv verbannt, dann seit 1968 war er unser Forschungskollege an der Akademie, er war einer der damals jungen Führungspersönlichkeiten des in 1950 verdrängten alten sog. bürgerlichen Wissenschaftlerteams. Der dann in den 1980-er Jahren die „Rückendeckung“ für all unsere Aktionen zur Neubewertung der Geschichte sicherte. Er genoss ein Ansehen, das nicht in Frage gestellt werden konnte, sein öffentliches Ansehen stieg, nachdem die Reformsozialisten ihn laut unterstützten, stark an. Als ich Minister wurde stand er mir bei all meinen kulturpolitischen Aktionen bei. Bereits bei der Planung des Europa Instituts Budapest stand sein Name an aller erster Stelle.

Professor Ferenc Mádl, der spätere Staatspräsident, international anerkannter Juraprofessor, ord. Mitglied der Akademie, war eine ähnliche Persönlichkeit. 1990 folgend wurde er Minister, später Staatspräsident, aber er nahm an den Wissenschaftlichen Beiratssitzungen entweder teil oder bat mich ihn zu besuchen und ihn über diese zu informieren, er besuchte mehrere der von uns organisierten Programme – so z.B. unsere deutschen Programme zur Sprache und Literatur.

Dem muss hinzugefügt werden: er war ein Kollege edlen Geistes und ein guter Freund, ein hervorragender Wissenschaftler, und dies alles in einer Person. (Sicher würde er mir, wenn er noch unter uns weilen und meine Petzerei lesen würde, das Folgende nicht übel nehmen: auch als Staatspräsident sputete er begeistert gemeinsam mit uns auf dem Fußballfeld. Außer ihm waren es weitere drei Mitglieder des inneren Zirkels des Europa Instituts, die regelmäßig einmal im Jahr Fußball spielten: Lajos Vékás und Ferenc Mádl in der Mannschaft der Juristen, Péter Hanák, der Gründungsprofessor des Instituts, und ich in der Mannschaft der Historiker.)

Lajos Vékás – bis zum heutigen Tag unser treuer Kumpane – begann übrigens in der Organisation KISZ (Verband Junger Kommunisten) in den 1960-er Jahren mit mir zusammen seine öffentliche Laufbahn. Er war auch ein guter Schüler, er besaß die Fähigkeit leicht Kontakte zu knüpfen, was in den Jahren der Konsolidierung als eine Eigenschaft von Wert betrachtet wurde. Im Gegensatz zu dem in den 1950-er Jahren im öffentlichen Leben so hoch geschätzten revolutionär vorlauten und feindsucherischen Typ. (Wobei diese – trennenden –Typen dann nach dem Systemwandel wieder in Mode zu kommen scheinen.) So wurde er, wie auch ich, zum Sekretär des KISZ an der Universität gewählt. Er wurde Professor, dann während meiner Ministerzeit, war er der Rektor des Systemwandels an der Eötvös-Loránd-Universität, einer der emblematischen Figuren des Systemwandels im ungarischen Hochschulwesen, wir begannen mit ihm zusammen die universitäre Integration in Budapest zu organisieren, bald aber ging meine Amtszeit als Minister zu Ende. Und Lajos wurde der Rektor des neu gegründeten Collegium Budapest. Dann wurde er Mitglied der Akademie und während meiner Präsidentschaft an der Akademie einer meiner ständigen Ratgeber und Freunde.

Im Europa Institut sind Lajos Vékás und Károly Manherz, beide Mitglieder des Wissenschaftlichen Beirats und des auf finanzielle Angelegenheiten bezogen entscheidungstragenden Stiftungsrats, die sog. „Jungs für alles“. (Manherz verblieb übrigens auch zur Zeit der ersten bürgerlichen – konservativen – Regierung nach dem Systemwandel im Amt des Staatssekretärs. Dazwischen war er über mehrere Amtsperioden Dekan der Philosophischen Fakultät der Budapester Eötvös-Loránd-Universität, später wieder für 4 Jahre Staatssekretär der sozialliberalen Regierung. Gleichzeitig ist er ebenfalls der führende Germanist in Ungarn und der am meisten renommierte Fachexperte der Staatsverwaltung im Bereich Hochschulwesen. Neben den leitenden Kollegien des Instituts ist er ebenfalls Mitglied in der engeren Direktoratsleitung, wobei er seine diesbezügliche Tätigkeit für die Zeit seines Regierungsamts einstellte.

Und wenn wir schon über die Institutsleitung als Team sprechen, dürfen wir nicht die zwei Wirtschafts-„Potentate“ des Stiftungsrats vergessen: István Töröcskei und Antal Stark. Über István Töröcskei, den Kollegen aus der Zeit des Systemwandels und späteren Freund habe ich bereits bei der Jubiläumsveranstaltung gesprochen bzw. geschrieben. Neben Batliner und unserem späteren Mäzen, Professor László Bitó, war er bei der Stiftung unser erstrangiger Helfer. Auch darüber schrieben wir bereits zuvor. Nicht aber über die Tatsache, dass er der Financier ist, ein Connaisseur und Förderer der europäischen Kultur – nicht nur der Wissenschaft, sondern auch der Musik – und er hat konkrete Vorstellungen über die Finanzierung der nationalen und europäischen Kultur. Ab dem Augenblick als das Institut gegründet wurde, war er für Sen. Batliner der ungarische Partner für Bank- und Finanzfragen, und er war es auch, der in den ersten 15 Jahren zu diesen Fragen referierte. Später trat Antal Stark an seine Stelle, der ebenfalls eine Führungsfigur unserer Kulturpolitiker-Gesellschaft im Ministerium zurzeit des Systemwandels war: zugleich ist er einer der besten Wirtschaftsfachexperten für den ungarischen Staatshaushalt, er trägt den Doktortitel der Akademie, ist Universitätsprofessor, war in der Zeit zwischen 1989-2008 Staatssekretär. (Sowohl in den Regierungen der Konservativen als auch der Sozialisten.) Er verfasst bis zum heutigen Tag Studien und hält Vorträge, das letzte Mal gerade am Europa Klub Abend des Europa Instituts. Und er kontrolliert die Buchhaltung und erstellt die Analysen für das Jahres- und prognostizierte Budget des Instituts.

 

Das Gremium wird zu einer geistigen Werkstatt

Liebe Freunde!

Das Europa Institut ist also ein typisches Produkt des politischen Systemwandels in Ostmitteleuropa. Die persönlichen Beziehungssysteme jedoch, die sich in der Periode des politischen Systemwandels um die Institute – so auch um das Europa Institut – gebildet haben, entstanden bereits in den früheren Jahrzehnten. Das erscheint unserer Meinung nach charakteristisch für die politischen Systemwandel in der ganzen Region. Wie es vielleicht auch charakteristisch erscheint, dass die jungen Intellektuellen, die im Westen studiert haben, bestrebt sind das neue System nach westlichem Muster einzurichten. Weniger charakteristisch ist jedoch, dass die neuen Institutionen des politischen Systemwandels Jahrzehnte lang, im vorliegenden Fall mehr als zwei Jahrzehnte lang, erhalten bleiben. In unserem Fall lässt sich dies eben darauf zurückführen, dass sich im Europa Institut ein Team gebildet hat, dass zusammen arbeitet und denkt. Die leitenden Kollegien des Europa Instituts – sowohl der Wissenschaftliche Beirat als auch der Stiftungsrat – waren und sind geistige Werkstätte, für die Regelmäßigkeit, Zuverlässigkeit sowie gegenseitiges Vertrauen kennzeichnend sind. Die Mitglieder der leitenden Kollegien haben nicht nur an der jährlichen Sitzung teilgenommen, sondern sich auch an den gemeinsamen internationalen Veranstaltungen beteiligt. Bei diesen hat mal Dušan die Diskussion geleitet, während Arnold Suppan, Horst Haselsteiner, Andrei Pleşu oder Erhard Busek, oder eben Károly Manherz oder der Direktor des Instituts einen Vortrag hielten. Ja, und wir sollen natürlich Attila Pók nicht vergessen, der wiederum für „alles“ zuständig gewesen ist, wie auch die ungarischen Professoren und Dozenten hier erwähnt werden sollen.

 

Der Betrieb: Die Professoren des Instituts

Ich habe die Professoren, Dozenten und die Assistenten erwähnt. Den Stab. Weil das Geheimnis für das Zusammenhalten eines jeden Teams es ist gemeinsame Programme zu veranstalten; für ein gemeinsames Programm aber braucht man eine entsprechende Werkstatt, einen regelmäßigen und gut organisierten wissenschaftspolitischen Betrieb. Aus diesem Grund habe ich in jedem einzelnen Bericht des Direktors stets einen separaten Kapitel dem Institutsleben gewidmet: die wöchentlichen gemeinsamen Mittagessen – nach englischem bzw. Mainzer Muster –, an denen der ständige Stab teilnimmt: die zwei-drei Professoren, die zwei-drei Assistenten, und sogar die Vertreterin der Stipendiaten bzw. die administrativen Kräfte. Gewöhnlich – seit 1990 bis zum Vorjahr – sind es insgesamt 9-10 Personen. An diesen Arbeitsmittagessen sowie an den anschließenden „Kaffeerunden“ wurden die Konferenzen, die Publikationen, sowie die neuesten Ereignisse des geistigen Lebens besprochen.

Die wichtigsten Stützen des „Institutsbetriebs“, die Professoren, waren ebenfalls bekannte ungarische Persönlichkeiten der Zeit des Systemwandels. István Nemeskürty ist der bekannteste Literaturhistoriker in Ungarn, ebenso gilt er als Filmdirektor als einer der wahrlich angesehenen Manager der ungarischen Filmkultur, er ist ein alter Freund des Direktors aus dem kulturpolitischen Leben der 1980er Jahre und wurde später ein Symbol der „nationalen Versöhnung“ in den Jahren des Systemwandels, eben in dem ihm von der Németh-Regierung vermachten prioritären Funktion (als Regierungsbeauftragter des ungarischen Fernsehens, denn auch hier arbeiteten wir eng zusammen, und dachten miteinander mit.) In den 1990er Jahren war er der bekannteste Vertreter des ungarischen nationalen Liberalismus im klassischen Sinn. Und als es noch sein gesundheitlicher Zustand erlaubte, war er Professor des Europa Instituts. (Bis zum heutigen Tag ist er ständiger Berater des Direktors.) Sein Kollege und auch inmitten der gemeinsam ausgefochtenen heftigen Debatten ein guter Diskussionspartner und Professor-Kollege war der Akademiker Péter Hanák. Er und István Nemeskürty waren ständige Akteure der geistigen Paraden an den wöchentlichen Sitzungen, Mittagessen und Kaffeerunden. Hanák war nicht nur der am meisten konzeptuelle Forscher der Österreich-Ungarischen Monarchie, nicht nur der originalste ungarische Historiker, sondern auch ein europäischer Intellektueller, der sich leidenschaftlich für die neuen geistigen Strömungen der Welt interessierte. Die beiden „alten Herren“, Nemeskürty und Hanák, verzauberten von Woche zu Woche die Stipendiaten und das Publikum der Konferenzen. Während der Mittagessen, beim behaglichen verzerren des flechsigen Suppenfleisches und der knusprigen Braten, die zu diesen Anlässen bei „Herrn Bakos“, dem Chefkoch, bestellt wurden, und anschließend beim Schlürfen unserer Kaffees und Tees wandte man sich den zahlreichen Fragenbereichen der 1990er Jahre mit der einzigen Frage zu „Wie weiter?“. Das Machtverhältnis zwischen den Parteisystemen und der Regierung – Hanák, der Vertreter der Mitteleuropa-Idee, fühlte sich der sozialliberalen Wertordnung näher, Nemeskürty hingegen stand für konservative, liberale Werte ein, Nemeskürty war Europa-orientiert, wobei er die Lösungsansätze des europäischen, vor allem des deutschen Wohlfahrtsstaates anführte, während sich Hanák – zumindest in den 1990er Jahren – bereits für das marktorientierte Modell der angelsächsischen Systeme einsetzte. Das Verhältnis zu der Vergangenheit musste bestimmt werden, was daraus verwendet werden kann. Denn unser Leitprinzip lautete: alles, was aus der Vergangenheit verwendbar und nützlich ist, muss bei der Errichtung des Hauses der Zukunft verwendet werden. (Hierüber waren wir alle einig.) Es soll Toleranz zwischen den Diskussionspartnern innerhalb den Intellektuellengruppen vorherrschen: denn das Recht auf freie Meinungsäußerung wurde damals, in der Zeit nach dem Systemwandel, von allen als inspirierend angesehen, und man vertrat den Standpunkt, dass es schädlich sein wird, wenn die Parteipolitik, die Wahlkabine einmal als die alleinigen Foren der Meinungsäußerung dienen werden. Wenn – so meinten wir, Jüngeren – das öffentliche Leben eventuell einmal als ein totalitärer Parteibetrieb funktionieren sollte. (Jetzt, im Jahre 2012, kann ich es mir nicht enthalten zu bemerken: es scheint leider so, dass wir uns hier in Ostmitteleuropa treiben lassen, um letztendlich diesen Weg zu beschreiten. Und die zivile Agora möglichst endgültig zu beseitigen. Vielleicht aus dem Grund, weil der individuelle und freie Ausdruck der persönlichen Meinung, die zivile Agora mit ihrem Recht zur freien Meinungsäußerung in den Augen der Computer-Generation als Störfaktor der Effektivität erscheint.)

 

Der Stab

Das Institut wurde das geistige Zuhause des Stabs und der Stipendiaten. (Wir dürfen nicht vergessen, dass das zentrale Programm des Institutes bis 2005 das Stipendienprogramm – welches den Stipendiaten im Studentenheim ebenfalls Unterkunft gewährte – war.) Und beim Stab spielten die jüngeren Mitarbeiter vom Anfang an eine wichtige Rolle. Kornélia Burucs, die mit den Publikationen verbundenen Programme leitete und größtenteils selber – mit dem Direktor gemeinsam – die Redigierungs-, Korrekturs- und Verlagsarbeiten durchführte, später die noch jüngere Generation, Andrea Antal, Beáta Kiltz, Rita Besznyák, bzw. vom Anfang an die Manherz-Schüler, Dezső B. Szabó und dann Károly B. Szabó, sowie die späteren Institutssekretäre Ádám Bóday und Tibor Dömötörfi. Sie waren es die, die Veranstaltungen organisierten unter der Leitung von György Kovács, später György Haraszti und der stellv. Direktor, Attila Pók. (Ab der Gründung des Instituts kümmerten sich alle drei um die Stipendiaten – um ihr seelisches Wohlbefinden und ihren Gemütszustand, wobei sie die Stipendiaten, wenn es nötig war zum Arzt oder eben in die Kneipe mitnahmen. Und sie leiteten den administrativen Betrieb. Dann nach dem Tod von György Kovács schloss sich – die frühere „Musterschülerin“ des Europa Instituts – Lilla Krász, die Lehrbeauftragte an der Eötvös-Loránd-Universität ist, dem Stab an, und heute zählt sie bereits neben Attila Pók und Zoltán Szász zu den Professoren des Instituts. (Zoltán Szász war vom Anfang an unser engster Mitarbeiter, er wurde jedoch erst nach dem Tod von Péter Hanák Professor des Instituts.)

B.)
FORTSETZUNG:
Der Entschluss die sich bietenden Möglichkeiten zu nutzen 

 

Das war also die Vergangenheit, die Vergangenheit der Teams – der Kollegien – sowie die Vergangenheit des Stabs und der Mitarbeiter im Betrieb, die diese in ein Team organisierten. Für uns, die Mitglieder des Beirats, bezieht sich die zu stellende Frage nicht nur auf die Zukunft des Instituts, sondern ebenfalls auf das Folgende: Liebe Leute des Senioren-Teams, wie soll es nun weitergehen? In den vergangenen Monaten habe ich hierüber mit Euch gesprochen und wir haben uns diesbezüglich gemeinsam unterhalten – wobei weitere drei von uns ihr 70. Lebensjahr erreicht haben. (Weil nach uns – zuerst Lajos Vékás, dann Zoltán Szász und später ich – wurden im Januar Dušan, im April Horst und im Mai Károly runde 70. Das will also heißen, dass auch sie die Schwelle der „Weisheit“ überschritten haben. Ich sage das nur, damit Ihr das ja nicht vergisst, und auch ich das nicht vergesse…)

 

Unsere erste Schlussfolgerung für die Zukunft: Über die wachsende Distanz zwischen Politik und Zivilgesellschaft

Wir nehmen zur Kenntnis – und zwar trotz unserer Zweifel am Erfolg dieses Vorgangs –, dass sich das Verhältnis zwischen Staat und Zivilgesellschaft verändert hat. Auch uns ist es bewusst, dass angesichts der neuen weltwirtschaftlichen und globalen sozialen Spannungen sowie in Folge der in Europa anbrechenden demographischen Katastrophe – die Alterung der Gesellschaft – die Politiker nach Wegen suchen müssen, um die neue und vornehmliche Rolle des Staates festzulegen. Wir sind der folgenden Meinung: die Kritik an der neoliberalen Auffassung, welche von der Selbstkorrektion des Marktes ausgegangen war, ist begründet, und wir vertreten ebenfalls die Meinung, dass die von den Deutschen angestrebte Lösung, wonach der Staat den in Konkurs gegangenen Banksektor sanieren soll, vorerst erfolgreich zu sein scheint. Aber: wir sind weit weniger überzeugt über den Erfolg der staatlichen Einmischung, um die gesellschaftlichen und wirtschaftliche Konflikte in Europa zu lösen, die – unserer Meinung nach – nicht durch politische Fehler herbeigeführt wurden. Über die Richtigkeit von zwei unserer Zweifel sind wir bereits sicher.

Unser erster Zweifel: wir befürchten – und die ersten Zeichen in diese Richtung sind bereits wohl sichtbar –, dass diese Auffassung zu einem neuen Etatismus führen wird, welches übermäßiges Vertrauen in das Kraftpotential des Staates und der Politik setzt. Und wir befürchten ebenfalls: diese neue staatszentrische Krisenbekämpfung in Europa kann sehr leicht an den Peripherien Europas zur Abwertung von Demokratie, der Bedeutung der Machtverteilung und der Fähigkeit der Zivilgesellschaft zur Lösung von Krisensituationen führen – wobei die ersten Zeichen in diese Richtung bereits wohl sichtbar sind. (Und Ostmitteleuropa sowie den Balkan rechnen wir zur Peripherie Europas, wo die Institutionen der Demokratie nicht entsprechend standfest ausgebildet sind, und in der sowjetischen Besatzungszone wurde auch die alltägliche Praxis der Demokratie zurückgedrängt. Es ist zu befürchten, dass die junge Generation, die die Errungenschaften der vergangenen 20 Jahre kritisiert – und zwar mit Recht –, nicht die zu schwache Ausbildung der Demokratie beklagt, sondern diese überhaupt als überflüssig betrachtet.) Das Argument der latenten aber wahren Gegner der Demokratie lautet: die Zivilgesellschaft und die Demokratie schwächen die effektive Handlung der Exekutivmacht.

Unser zweiter Zweifel: inmitten der neuen Krisenbekämpfung kann die junge Generation der Politiker leicht zu der Auffassung gelangen den Staat mit der Politik, den Parteiforen, somit mit sich selber, gleichzusetzen. Diese Generation glaubt nicht an die Agora jenseits des Wirkungskreises der Politik, wie sie auch an ihr Potential bei der Krisenbekämpfung nicht glaubt. Und sie eliminiert den im Laufe der vergangenen 60 Jahre innerhalb der europäischen sozialen Wohlfahrtsgesellschaft ausgebauten Dialog zwischen Parteipolitik, staatliches Verwaltungswesen und Zivilgesellschaft – somit die Intellektuellen. Sie sieht in den Bürgern lediglich die Wähler, die für einen Machtstaat stimmen, und die Demokratie bedeutet für sie lediglich die Demokratie der Wahlkabine.

Aber mit unseren 70 Jahren nehmen wir zur Kenntnis, dass der an die Elite der europäischen Intellektuellen – mitunter an die Intellektuellen der Akademie – erteilte „Auftrag“ nunmehr abgelaufen ist. Die Parteien werden in Zukunft für den Eigenbedarf – höchst wahrscheinlich in erster Linie von ihren freiwilligen- und Berufsparteisoldaten – europäische und nationalstaatliche Strategien ersteigern. Wir blicken voller Zufriedenheit auf die großen Aufträge der Zeit zwischen 1990 und 2010 zurück – die Ausarbeitung von strategischen Konzepten für die Bereiche europäische Integration, Wasserbewirtschaftung, Territorialentwicklung, Umweltwirtschaft, Europa-Studien, die Möglichkeiten der nationalen Versöhnung in Europa. Lajos Vékás unterbreitete bereits im November 2010 den Vorschlag, dass wir die großangelegten Programme zur Veranstaltung von internationalen Konferenzen aufgeben sollen, die Exekutivmacht zeigt diesbezüglich keinerlei Interesse. (Ja, ja er hatte bereits zu dieser Zeit als Erster „die Schwelle der Weisheit“, die Grenze von 70 Jahren, überschritten.)

 

Unsere zweite Schlussfolgerung: Über das Strategie-Defizit der Europäischen Union

Der erste Abschnitt des europäischen Vereinigungsprozesses – die Integration – wurde 2007 abgeschlossen: die Staaten der ehemaligen sowjetischen Zone – die zuvor westlichen Typs waren – traten der Europäischen Union bei. Das Institut – um es genauer auszudrücken unsere „Teams“ – hat bzw. haben dabei ein gutes Stück Arbeit geleistet. Das besondere Glück unserer Generation – dass wir uns also an dieser Wiedervereinigung beteiligen konnten – haben wir vollends genutzt. Jetzt beginnt ein neues Zeitalter im Leben des Kontinents. Zum Teil die Weiterentwicklung der Einrichtung der Union, und zum Teil das Vierteljahrhundert der lokal-regionalen Kleinarbeit. Die alte Bürokratie – sowohl auf der Ebene der Nationalstaaten als auch auf Unionsebene – hat die Weiterentwicklung für überflüssig erachtet, aber die durch die Wirtschaftskrise herbeigeführten sozialen Konflikte machen es dringend erforderlich, dass diese Fragen auf die Agenda gesetzt werden, wie dies bereits im politischen Alltag diskutiert wird. Unsere zwei grundlegenden Fragen lauten wie folgt: 1.) Der Weg zur Zentralisierung, in Richtung der Vereinten Europäischen Staaten oder eine Rückentwicklung der Europäischen Union zu einer simplen finanziellen und wirtschaftlichen Union der Nationalstaaten. (Hierbei würde man den Nationalstaaten freies Geleit geben, damit sie im planetaren Raum die „Segel straffen“ können. Dies Letztere würde meiner Meinung nach das Verschwinden der eigenständigen Kulturen der kleinen Nationen binnen weniger Jahrhunderte bedeuten: es ist tragisch, dass gerade die sog. nationalen konservativen Entscheidungsträger der kleinen Nationen zu diesem Standpunkt geneigt sind … aber hierüber werden wir uns beim Abendessen oder bei unserer Sitzung im kommenden Jahr unterhalten.) 2.) Die zweite Frage lautet meiner Meinung nach: wie können die lokalen Interessen in der kontinentalen bzw. Weltpolitik artikuliert werden. Denn bei den Debatten über die Wirtschaftskrise geht es auch darum, dass die lokalen Interessen auf irgendeine Weise zum Ausdruck gelangen müssen und es muss irgendein Forum – Europa Forum – geschaffen werden, wo die lokale Gesellschaft mit der Realität oder Irrealität ihrer Erwartungen und Vorstellungen konfrontiert wird. (Das geschieht gegenwärtig in Ungarn... Aber auch hierüber sollen wir eher beim Abendessen oder bei unserer Sitzung im nächsten Jahr sprechen…)

 

Unsere dritte Schlussfolgerung in Verbindung mit den Möglichkeiten der Revolution der Berührungskultur

Die nächsten Jahrzehnte werden im Zeichen der Revolution der wunderbaren globalen Berührungs(Kultur)revolution verlaufen – in erster Linie in Folge der Entwicklung der Internetkultur und des Skyphone. Und unsere Generation kann sich besonders glücklich schätzen, dass sie es in ihren älteren Jahren erleben durfte, ein neues Lehrprogramm zu schaffen. Für sich selber. Und sie darf ihre geistige Kraft daran ermessen, ob sie noch dazu fähig ist am Experiment zur Ausbildung einer neuen Ausdrucks- und Vermittlerkultur, der neuen Darstellungsformen teilzunehmen und hierbei einen eigenen Beitrag zu leisten. Denn diese neue Kulturrevolution – die digitale und Internetrevolution -- nahm zweifellos in Folge der Entwicklung der neuen Systeme der Informatik ihren Anfang, im Endeffekt aber wird sie die gesamte Berührungskultur der Menschheit verändern. (Wir sprechen aus diesem Grund über die Revolution der Berührungskultur.) Und das umfasst weit mehr als die massenhafte Verbreitung der Schriftlichkeit, oder die durch einen Teilbereich dieser – so z.B. der Buchdruck – bedingte Veränderungen in der Geschichte der Menschheit. Dies bietet auch denen, die außerhalb den kulturellen-bildungsbezogenen-wissenschaftlichen Instituten leben und vor allem für die älteren Generationen der Intellektuellen – enorme neue Möglichkeiten. Wir, Forscher-Autoren, müssen nicht länger Intellektuelle sein, die in eine Organisation – innerhalb des nationalstaatlichen Rahmens in Behörden und Institute – eingebunden sind. (Es ist allgemein bekannt, dass sich mittlerweile überall auf der Welt Klubs bilden, und zwar über die Grenzen der Nationalstaaten hinweg und unabhängig von der Gestaltung, Organisation und Veranstaltung von gemeinsamen kulturellen Programmen – oder persönlichen Treffen.)

 

Persönliche Vorschläge (im Zeichen des Mottos „Wenn wir Lust dazu haben“)

Unseren Gedankengängen folgend sollten wir nun persönliche Vorschläge machen. Diese sind wie folgt:

1.) Sollen wir weiterhin ein Team bilden?

Wir alle, die in ihren vorangeschrittenen Jahren – Rentenjahren – Lust zu unseren Zusammenkünften haben, sollten Mitglieder der leitenden- und Ratgeberkollegien des Europa Instituts Budapest bleiben. (Wenn wir Lust dazu haben…) Jeder, der meint sich zurückziehen zu wollen, und glaubt, dass es nun genug ist, den werden wir genauso gerne haben, wie den, der sagt, dass wir weiterhin im Team bleiben sollten. (Den jüngeren Professorenkollegen – Attila Pók, Lilla Krász oder Tibor Dömötörfi, Glatz Junior, Andrea Antal – werde ich diese Frage gar nicht stellen.)

2.) Jährlich einmal eine Zusammenkunft organisieren…

Das Programm des Europa Instituts für das Jahr 2011 (Neue Herausforderungen, neues Programm, neue Akzente) setzte die Veranstaltung von Werkstattgesprächen zum Ziel, und zwar anstelle der großen Konferenzen. (Die Zusammenfassungen über die ersten vier Veranstaltungen des Europa Klubs wurden hier beigelegt, die neue Zeitschrift „In Europa“ haben wir bereits in der Einführung erwähnt und die erste Ausgabe der Zeitschrift befindet sich ebenfalls unter den Euch zugesandten „Materialien“.) Die Sitzung der Mitglieder des Wissenschaftlichen Beirats und des Stiftungsrat soll mit einer der jährlich veranstalteten 4-6 Werkstattkonferenzen verbunden werden: hier sollen wir in Form eines brain stormings das eine oder andere Thema diskutieren. (Wenn wir überhaupt zu all dem Lust haben…) Hier würden wir ein Thema auf die Agenda setzen, das von einem der Mitglieder des Gremiums vorgeschlagen wird, wobei dieser ebenfalls die Ausarbeitung des Themas übernimmt. (Wenn jemand Lust hat ein Thema zu behandeln…) Wir haben zur Kenntnis genommen, dass unsere Generation nicht – wie auch keiner der Institutionen der Region – an der Ausarbeitung der großen umfassenden Europa-Strategien der kommenden Jahrzehnte teilnehmen wird bzw. werden. (Ich habe bereits 2008 an mein vorangeschrittenes Alter appellierend die Mitgliedschaft in der Wissenschaftlichen Kommission der EU zurückgewiesen – wie auch andere europäische Intellektuelle ebenfalls auf ihr Alter appellierend die Mitgliedschaft nicht annahmen: Umberto Eco, Jürgen Habermas, Milan Kundera, während z.B. Norman Davies der Kommission beigetreten ist. Und ich wies ebenfalls 2009, mich auf mein Alter berufend, den Posten eines Abgeordneten in Brüssel – das eventuelle mit einer Mitgliedschaft in der Europäischen Kommission verbunden gewesen wäre – zurück. Wir können aber auch in Zukunft unsere Meinung zu einem regionalen Fachfragenbereich darlegen oder niederschreiben. (Wenn wir Lust dazu haben. Im Laufe der mit Euch gemeinsam geführten Unterhaltungen, habt Ihr so einige Themen „für den Sommer“ angesprochen. So z.B.: Die Geschichte der Donau-Monarchien, als die Vorgeschichte der europäischen Integration sowie die daraus zu ziehenden Lehren. Vergleichende Geschichte der Systemwandel von 1989/1990, Chronologie und Lehren. Persönliche Lebenserfahrungen – Rückerinnerungen – zur den Auswirkungen des politischen Systemwandels auf das kulturelle Leben in Ostmitteleuropa. Der Abschluss des Zweiten Weltkriegs, die vergleichende Geschichte der Friedensverträge, usw. Aber ich würde Eure Aufmerksamkeit ebenfalls auf den Vortrag von Lajos Vékás lenken, den er vor kurzem an der Akademie zum Thema die Frage der Plagiate in der Wissenschafts- und Musikliteratur hielt…) Somit lautet die Frage, ob wir, die die Schwelle der Weisheit überschritten haben, einen Anspruch darauf haben, dass wir jährlich einmal – sagen wir am letzten Donnerstag des Montas Juni – irgendwo hier entlang der Donau für einen Abend zusammenkommen, um den Bericht des Direktors über die Tätigkeit des Instituts uns anzuhören und zu den Plänen und Ergebnissen Stellung zu nehmen sowie Vorschläge zu unterbreiten und anschließend zu dem einen oder anderen Thema eine „Konferenz“ zu halten. Dann aber nur in unserem engen Kreis.

3.) Autorenlebensprogramm, im eigenen Heim, so lange wir die Kraft dazu haben

Wir sollen uns an der Ausbildung der neuen Berührungskultur beteiligen. Selbstverständlich ist dies ein individuelles, auf die Person bezogenes Programm. Ich persönlich z.B. würde mich freuen, wenn wir einmal eine meiner Diskussionsstudien unter dem Titel „Die Möglichkeiten des digitalen Publikationssystems bei der Entwicklung des neuen Genres der historischen Chronologie“ behandeln würden. (Ich habe Euch die Studie bereits zuvor auf Deutsch zugesandt und die ungarische Version ist im Internet zugänglich. Habt Ihr Lust dazu an der Ausarbeitung einer vergleichenden Dateibasis zur Europa-Geschichte teilzunehmen? Etwas, was ich seit Jahren mit meinen Studenten plane. (Wir haben bereits eine Homepage auf Ungarisch: Történelmi Tár [Historische Dateisammlung]. Nun zu einem anderen Thema: das Europa Institut Budapest und die Forschungsgruppe für europäische Geschichte haben im September vergangenen Jahres eine neue Vereinbarung abgeschlossen: Das Institut und die Forschungsgruppe werden die deutschsprachige Homepage des Instituts gemeinsam betreiben und weiterentwickeln. Hier können die Mitglieder des Wissenschaftlichen Beirats und des Stiftungsrats ihre Publikationen, Konferenzmaterialien oder ihre aktuellen Vorstellungen und Ideen veröffentlichen. Da wir höchst wahrscheinlich keine eigene facebook-Seite für uns einrichten werden… Für das Redigieren der Texte werden wir selbstverständlich Sorge tragen.

4.) Das heißt also „ein neuer Abschnitt unseres Lebens“

Also, meine lieben Freunde: der eine Abschnitt unseres Lebens ist zu Ende. Sowohl im Leben des Instituts als auch der Kollegien und unserer Generation. Aber das Leben selber ist längst nicht zu Ende! Es haben sich nunmehr neue Voraussetzungen in der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umgebung des Instituts gebildet, hierbei bietet sich die Möglichkeit neue Ziele zu verfolgen und es beginnt ein neuer Abschnitt. Und auch in unserem Leben gibt es neue Voraussetzungen – das voranschreitende Alter – und neue Möglichkeiten -- ein ungebundeneres Leben, die Möglichkeiten für eine persönlichere Art des Schaffens, des von der Informatik gebotene Individualismus. Wir können heute oder morgen der Gemeinschaft nicht damit nutzen, dass wir unsere bisherige Lebensweise fortsetzen und unsere restliche Kraft aufmürben und Institutionen und die Arbeit von anderen organisieren. Es kann ein neuer Lebensabschnitt, die des Intellektuellen Einzelgängers, beginnen. Das Lebensprogramm des Autors. Wofür wir vielleicht zuletzt 1989, als wir noch keine öffentliche Funktionen und Posten versahen, Zeit hatten. (Jetzt können wir aber unter weit günstigeren infrastrukturellen Bedingungen arbeiten.)… Im Vorjahr sagten wir bei der Jubiläumsfeier: alles hat eine Geschichte, aber es ist nicht sicher, dass alles auch eine Zukunft hat. Ihr könnt sehen: nicht nur Ihr, sondern auch ich zerbreche mir den Kopf darüber, wie es weitergehen soll. Mit uns 70-ern. Ihr könnt natürlich sagen, dass ich der ewige Optimist bin… Aber, Hand aufs Herz, würde es sich anders lohnen zu leben und zu schaffen?

 

Budapest, den 15. Juni 2012.

Ferenc Glatz