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I.
Neue Herausforderungen, neues Programm, neue Akzente

 

„Zu erkennen, welche neuen Herausforderungen auf uns zukommen, diese sogleich einer entsprechenden Analyse unterziehen und sie lernen zu verstehen und dann unsere aktuell laufenden Programme eben diesen Herausforderungen anpassen” – dies ist wohl in Verbindung mit dem Gesellschaftsmanagement das wahre Moment des intellektuellen Schaffens. Sei es die Rede von der kleinsten oder gar der am meisten breit gefächerten Entität einer Gemeinschaft, somit von Familie oder von Betriebsorganisation, oder gar von der staatsbürgerlichen, nationalen, durch die gleiche Religion verbundenen bzw. sonstigen Gemeinschaft. Das Europa Institut Budapest ist eine kleine, wissenschaftlich-kulturell tätige Institution, die von den Gründern des Instituts 1989-1990 zur Erforschung des europäischen Integrationsprozesses ins Leben gerufen wurde. Das Europa Institut Budapest ist eine internationale Institution, obgleich ihre Zielsetzungen darauf gerichtet sind – hierauf verweist ebenfalls der Gründungssitz des Instituts – den Platz der staatsbürgerlichen und nationalen Gemeinschaft der Ungarn innerhalb der wirkenden europäischen Tendenzen zu ergründen. Internationalität bedeutet in diesem Zusammenhang aber auch, dass das Institut bestrebt ist, die Interessen Ungarns in die Richtung der von den europäischen Staaten und Völkern vertretenen Interessen „kanalisieren” bzw. eingliedern zu können. Eben-so betrachtet das Institut als seine Aufgabe, bei der Formulierung der ungarischen Interessen – hier zu Hause – die Geltendmachung der gesamteuropäischen Aspekte und Ansätze zu fördern. Es gilt zu diesen Aufgaben- und Tätigkeitsbereichen Programme zu erstellen, und diese Programme den globalen Anforderungen bzw. dem natürlichen und politischen Umfeld vor Ort anzupassen.

Welche aber sind die neuen globalen Herausforderungen? Eine gute Frage – diese zu beantworten ist aber eine umso schwerere Aufgabe.

 

1. Thematische Schwerpunkte der Programme

 

a.) Das Erkennen der planetaren Veränderungen

Es gilt vor allem zu erkennen, dass ein neues Zeitalter in der Geschichte der Erde angebrochen ist. Es handelt sich hierbei um die Beschleunigung der globalen Erwärmung, welcher Prozess nunmehr seit 150 Jahren beobachtet werden kann. Das Ergebnis ist eine Reihe von allmählich eintretenden Veränderungen in der Biosphäre der Erdoberfläche – Luft, Boden, Pflanzen- und Tierwelt. Und auch der Mensch, der lediglich als ein Element innerhalb der Biosphäre der Erdoberfläche anzusehen ist, wird sich nur zeitweilig den Auswirkungen der sich an der Erdoberfläche vollziehenden Veränderungen widersetzen können – der Mensch täte somit gut daran zu lernen wie man sich diesen anpasst. Welche aber sind die Veränderungen, die sich auf dem europäischen Kontinent, mitunter im Karpatenbecken, vollziehen werden? Heute wissen wir bereits, dass in den vergangenen 12.000 Jahren die europäische Peninsula aus dem Grund für den Menschen „bewohnbar” wurde, weil dieser Teil der Erde nunmehr seit 12.000 Jahren zu den Regionen zählt, die in der gegenwärtigen erdgeschichtlichen Periode (im sog. Holozän) über ideale Voraussetzungen für die Lebensmittelproduktion verfügen, und wo die klimatischen Bedingungen die Ausführung der menschlichen Arbeit im überwiegenden Teil des Jahres – bzw. des Tages – ermöglichen. Die „weltwirtschaftliche” Stellung des Karpatenbeckens wird nunmehr seit dem Neolithikum (ca. 6.000 v. Chr.) durch den Umstand geprägt, dass seit der letzten Eiszeit die Quellgewässer, die aus den Karpatenbecken umringenden Bergen entspringen, hier zusammenfließen, wodurch das Becken über außergewöhnliche Frischwasservorräte verfügt, die wiederum nunmehr seit 8.000 Jahren für die Herstellung von Lebensmitteln und für den Wasserbedarf der Siedlungsgebiete genutzt werden. Und diese Begebenheit – der Reichtum an Gewässern – erfährt neuerdings, in einer Zeit als der gesamten Erde ein Mangel an zureichendem Trinkwasser droht, und zwar nicht zuletzt in Folge des Klimawandels, eine eindeutige Aufwertung. Ja, und ebenfalls in Folge des unbändig steigenden Wasserbedarfs der industriell-technischen Revolution – das Bevölkerungswachstum mit inbegriffen. Um es anders auszudrücken, es war die Weitsichtigkeit der Leitung des Europa Instituts Budapest, auf Grund deren vor 13 Jahren das Institut die europäische und lokale Wasserbewirtschaftung, mitunter die Erforschung des Wassereinzugsgebiets der Donau, zu einem der Zielbereiche seiner Tätigkeit erhob. (Hier möchten wir nur kurz darauf verweisen, dass wir es waren, die zum ersten Mal in Ungarn den Vorschlag für ein Wasserbewirtschaftungsprogramm im Karpatenbecken unterbreiteten [1997–2006] und 2007 ebenfalls die Grundlagen eines solchen Programms erarbeiteten – in der Zeit als sich die Bestrebungen zur Erweiterung der Europäischen Union in Richtung Südosteuropas beschleunigten, unterbreiteten wir den Vorschlag zur Ausarbeitung einer mittelosteuropäischen Donaustrategie, somit das Neudenken des im Jahre 1994 initiierten Donauprogramms. Tatsächlich war dies die Neuformulierung der seit 1856 laufenden und immer wieder neue Anregungen findenden Donau-Pläne.) Und es war ebenfalls unser Vorschlag, dass Budapest das Zentrum der neuen Donau-Strategie werden sollte. Ein weiterer Vorschlag von unserer Seite – den wir seit 1998 wiederholt unterbreitet haben – lautete, dass die auf den Schutz vor Hochwasser gerichtete Donaustrategie zu einem umfassenden Donaubecken-Programm, welches das Verkehrswesen, die Siedlungen und den Handel mit aufgreift, ausgedehnt werden sollte. (Im Laufe unserer Bestrebungen stießen wir bei unseren besten Kameraden und Mitkämpfern, nämlich bei einer Gruppe der Umweltschützer, auf Widerstand…) Und jetzt, als wir uns auf die Suche nach den zukünftigen Schwerpunkten unserer thematischen Programme begeben, bleiben wir unserer Zielsetzung treu, demnach die Wasserbewirtschaftung und unsere Teilnahme an den europäischen Donau-Programmen weiterhin eine unserer Interessengebiete bzw. Zielbereiche darstellen soll. Umso mehr, da mit Hinsicht auf die südosteuropäische Erweiterung der EU das Donaubecken – der Donaukorridor – wahrscheinlich eine zentrale Rolle spielen wird. Und es liegt auf eminente Weise im Interesse Ungarns sowie der kleinen Staaten und Völker der Region, dass sie sich an den globalen Entwicklungsprozessen beteiligen können, und es ist gleichwohl ihre eminente Verpflichtung, dass sie diese besonderen Begebenheiten der Region „gut bewirtschaften” (und hierbei denken wir nicht an den zu erzielenden Profit, sondern an die bedachte Bewirtschaftung der uns anvertrauten Güter – die Naturbewirtschaftung inbegriffen). Im Weiteren können wir dem noch hinzufügen: Die Förderungen, die unsere Stiftung in den späteren Jahren, somit nach 2006, erhielt – sowohl unser Kooperationsvertrag mit den Instituten der UAW als auch die finanzielle Unterstützung, die uns von Seiten der Bitó-Stiftung zur Verfügung gestellt wurde – motivieren uns prioritär dazu, die Themenbereiche Wasserwirtschaft, das Donaubecken sowie hieran anlehnend der Balkan, also die südöstliche Erweiterung des EU-Integrationsprozesses zu erforschen.

 

b.) Demographische Revolution, Migration, ethnisch-, religions-, Sitten- und Gebräuche bezogene Multikulturalität

Eine weitere große Herausforderung stellt ohne Frage das Volumen des Weltbevölkerungswachstums dar, wie auch die Zuwanderung aus den südlichen und südöstlichen Weltteilen in Richtung der euroatlantischen Region. (Somit aus den Regionen, die eine enorme Überbevölkerung erfahren.) Die Migration erfolgt in Richtung Europas und Amerikas, wo der Rückgang der Bevölkerungszahlen und die Wohlfahrtsgesellschaft einen Mangel an Arbeitskraft (ja und an Arbeitslust) produzieren. (Weltweit lautet die Prognose der Demographen, dass die Bevölkerungszahl bis zum Jahr 2030 auf 8 und bis 2050 auf 10 Milliarden Menschen ansteigen wird, und mehr als 80% dieser Zahl wird bereits 2030 außerhalb der euroatlantischen Region geboren werden. Dennoch gibt es lediglich in den Weltteilen, die im Laufe der vergangenen Jahrhunderte besiedelt wurden – somit in Amerika und in Europa –, entsprechend geeignete Gebiete für die Herstellung von Lebensmitteln sowie zureichende Mengen an Trinkwasser.) Die ethnisch-religiöse Multikulturalität wird bereits heute zur Wirklichkeit der auffälligsten Art. Wie dies immer schon der Fall war in Europa. (Denn nirgendwo auf der Welt leben auf einem so begrenzten Gebiet so zahlreiche Kulturen neben einander, die alle mitsamt über eine entwickelte Schriftlichkeit und Literatur verfügen, wie dies im Laufe der vergangenen 1.000 Jahren in Europa zustande kam.) Die neuere Welle der industriell-technischen Revolution und ihre Errungenschaften tragen ohnehin dazu bei, dass die Migration als solches leichter gemacht wird: Der Radius unseres Kulturinteresses dehnt sich aus, das Verkehrswesen entwickelt sich weiter usw. Somit wird Europa zum Kontinent von mehreren Dutzend national-religiösen Mehrheit-Minderheit-Gesellschaften. Aber das ist sie ja bereits heute. 7-9% der Bevölkerung der führenden Industriestaaten in Westeuropa sind Einwanderer der ersten Generation. (Und würde man hier noch die Schweiz und die Niederlande hinzuzählen, so würde der Prozentsatz sogleich auf 16-19% ansteigen. Und dann haben wir auch die Europäer der zweiten Generation nicht mitgerechnet, also die „gebürtigen” Europäer, deren Eltern und Großeltern eingewandert sind.) Und es gibt ebenfalls wachsende Migrationstendenzen innerhalb von Europa, die durch die südöstliche Erweiterung der EU einen weiteren Impetus erhalten. (Nicht zu sprechen von der Invasion der mehrere Millionen zählenden Roma-Bevölkerung aus Osteuropa.) Wie dem auch sei, es kann mit Sicherheit ausgesagt werden, dass der Themenbereich des ethnisch-religiösen Zusammenlebens, der seit der Gründung zu den Forschungsbereichen des Europa Instituts zählt, in den kommenden Jahrzehnten weit aktueller sein wird als jemals zuvor. Noch gestern wurden wir von vielen als konservativ-altmodisch abgestempelt, weil wir uns maßgeblich für die Themenwahl der alten, längst vergangenen Welt interessieren, weil wir eine übermäßige Zahl an „Historiker-Programmen” behandeln – heute aber gelten wir nicht nur als zeitgemäß, sondern sogar als Avantgarde. Bei der Gestaltung unseres Programms für die kommenden Jahre versuchen wir die Möglichkeiten der Verschiebung der Schwerpunkte bei unseren thematischen Zielbereichen weiter zu erkunden. Wir können allerdings davon ausgehen, dass wir unter den von uns bisher behandelten Themenbereichen die Erforschung der national-religiösen Vielfalt (Multikulturalität) auch im Weiteren nicht auslassen können...

 

c.) Das Gespenst des neuen Etatismus

Wenn wir über die großen Herausforderungen unseres Zeitalters sprechen, so kommen wir nicht umhin auch auf die Wirtschaftskrise zu verweisen, die sich auf die große Integrationsbestrebungen der letzten Jahrzehnte – u. a. die Gründung der Europäischen Union – auswirkt und diese zu deformieren droht. Die Weltfinanzkrise brachte (zumindest laut den Expertenanalysen) auf derbe Weise die Nachteile der Lebensweise und Betriebsorganisation (eine übermäßige Regulierung der Arbeitsorganisation zu Gunsten der Arbeitsnehmer) an die Oberfläche, die sich innerhalb der euroatlantischen Kultur entwickelt hat; und sie brachte (dies ist zumindest meine Meinung) die Kehrseiten der kontrolllosen, globalen Aktivitäten an die Oberfläche, die sich aus der Unkontrollierbarkeit und Unterregulierung der Finanztransaktionen, des Handels und der Produktionstätigkeit ergeben. Die globalen Aktivitäten werden lediglich von Lokalinstitutionen vor Ort kontrolliert und das macht – unserer Meinung nach – die Wirtschaft unserer Zeit – sowohl in den Bereichen Umweltbewirtschaftung, Handel, aber vor allem auf dem Kapitalmarkt – leicht verwundbar. (Nicht zu sprechen von der Naturbewirtschaftung.) Egal welche Fülle an Fachliteratur wir anführen, um die eine oder andere Argumentation zu untermauern, Tatsache bleibt, dass das Vertrauen in das 1944 eingeführte System von Bretton Woods – und zugleich das Vertrauen, das in den Internationalen Währungsfond (IMF) und in die Weltbank (IBRD) gesetzt wurde – ins Schwanken geraten ist. Eine weitere Tatsache lautet: Hätten die Nationalstaaten – mittels der von den Steuerzahlern eingezahlten Geldern – den Kapitalmarkt nicht gerettet, so hätte sich die Finanzkrise zu einer Weltwirtschaftskrise ausgebreitet. Und das kann immer noch eintreffen. Somit lautet unsere Schlussfolgerung: Das Problem liegt nicht bei der Globalisierung oder bei den Integrationsbestrebungen, vielmehr sind es die globalen Aktivitäten, die die Einführung von gleichwohl global geltenden Regelungen erfordern. Um es einfacher auszudrücken: Die globalen oder zumindest die mit dem Integrationsprozess im Allgemeinen verbundenen Kontrollen müssten verschärft werden, und hierbei sollte beachtet werden, dass die globale Wirtschaft zugleich global geltende bzw. anwendbare Regelungen erfordert. Genauso wie auch die Prozesse bei der Umweltbewirtschaftung – die wir beeinflussen oder eben nicht beeinflussen können – die Einführung von global geltenden Regelungsverfahren und die Errichtung von regulierenden Institutionen erfordern würden. Es scheint aber, dass die Welt um uns herum zu einer ganz anderen Schlussfolgerung angelangt ist: Sie betrachtet die Finanzkrise als die Krise der globalen sowie der mit den Integrationsbestrebungen verbundenen Tendenzen und bestärkt somit erneut das Vertrauen in die Unabhängigkeit des Staates und in das lokale Verwaltungssystems. Wir sind Augenzeugen der Neugeburt des Etatismus in Europa. Somit auch in Ungarn. (Zweifellos konnten gerade die Staaten den Auswirkungen der Weltkrise stand halten – und sahen sich somit nicht gezwungen Sparmaßnahmen einzuführen –, die nicht verschuldet waren; während die Staaten am meisten unter der Einführung von Sondersteuern, von Sparmaßnahmen, die vom Staat von einem Augenblick auf den anderen eingeleitet wurden, zu leiden hatten, die eine sog. offene Wirtschaftspolitik betrieben. Wie dies auch in Ungarn der Fall war. Zweifellos wächst unter solchen Umständen – verständlicherweise – die Rolle des Staates sowie die Rolle der Politik und der politischen Verwaltung im Allgemeinen an, und es verstärken sich die autarkischen Strömungen in den Nationalstaaten.) Diese sind Tendenzen, die über ein eigenes Fundament verfügen, dennoch müssen wir sowohl ihre Vorteile als auch ihre Nachteile abwägen bzw. ihnen Beachtung schenken.

Welche aber sind die Gefahren dieses neuen Etatismus? (Auf die Vorteile wurde bereits oben hingewiesen.)

1.) Der neue Etatismus könnte den Nachteil haben, dass dieser eine Deformierung des Gemeinschaftsleben verursacht: Nachdem das Vertrauen zu den demokratischen Verfahrensweisen gebrochen ist, wird nun der mutmaßlich effektiveren Handlungs- bzw. Vorgehensweise der staatlichen Exekutive ein übermäßiges Vertrauen entgegengebracht. Hierbei wird ein verstärktes Vertrauen in die Parteien, in die politische Verwaltung gesetzt, die Zivilsphäre sowie die Wissenschaft erfahren eine Abwertung, die Menschen dienen in ihrer Funktion als potentielle Wähler lediglich dazu, um durch sie an die Macht zu gelangen, und sie können bzw. sollen lediglich mit Hilfe der Informatik gestützten Massenkommunikation die von der klugen Administration eingeleiteten Programme unterstützen. Politik wird nicht länger als die Kunst des Schaffens betrachtet, sondern als die Kunst der Anwendung von machtpolitischen Techniken bei der Machtausübung, die sich hierzu der Medien bedient – und zwar als prioritäres Instrument und als ein Terrain zur Erlangung von Publizität. Die Foren der Demokratie verkümmern, und die Tradition der europäischen Demokratie, die Agora, verschwindet endgültig; und es gelangt erneut die Tradition der europäischen diktatorischen Tendenzen an die Oberfläche: Die „aufgeklärte” Herrschaft einer Gruppe der politischen Elite und der Machttechnokraten. (Vielleicht reagieren wir, die Generation, die in den ehemaligen sowjetischen Staaten aufgewachsen ist – die all dies bereits zuvor einmal erlebt hat und weiß, wohin all dies führt – auf dieses neue Phänomen allzu empfindlich. Wie auch das Beispiel von Mittel- und Osteuropa in der Zwischenkriegszeit uns vor den Augen schwebt: Während des Ersten Weltkrieges führte der Kampf um die Nationalstaatlichkeit zur übermäßigen Verstärkung der Exekutivmacht; der Grund hierfür ist vor allem darin zu suchen, dass in dieser Zeit die einzelnen Nationen allein auf die Macht des Staates vertrauen konnten; dann, in der Zeit nach der Weltwirtschaftskrise war es erneut der Staat, der der Gesellschaft zur Hilfe eilte, und sie rettete. Wohin aber hat all dies letztendlich geführt? Zur Ausbildung einer Vollziehungsgewalt, die über die Gesellschaft erhoben wurde und nicht länger den nötigen Kontrollfunktionen unterstand. Übrigens kam dieser Staat neuen Typs in Folge von demokratischen Wahlen zustande, und auch die neue, auf die Macht der Exekutive vertrauende politische Elite erlangte die von ihr eingenommenen Positionen mittels demokratischer Wahlen. Erst danach schuf sie ein politisches System, die die Absetzung der amtierenden Machthaber ausschloss. All das ist aber nur ein, der Geschichte entnommenes, historisches Beispiel...)

2.) Eine weitere Gefahr stellt der mögliche Verlust des in den Integrationsprozess gesetzten Vertrauens dar. Und in Europa würde dies weit tragischere Folgen haben als auf anderen Kontinenten. Hier hat nämlich die in mehr als 20 Nationalstaaten unterteilt Kultur bereits zwei Weltkriege entfacht, und wir sind gegenwärtig immer noch nicht über die Auflösung der in Folge der Weltkriege und der nationalstaatlichen Gegensätze entstandenen Traditionen hinweg. Und die Menschen schenken uns, Historikern, weiterhin kein Glauben, wenn wir ihnen sagen: Der Rückfall in der Entwicklung Europas nach 1914 ist auch darauf zurückzuführen, dass neben dem Verlust von 20 Millionen Menschenleben, die zu Opfern der zwischen den Nationalstaaten ausgefochtenen Kriege wurden, und den Zerstörungen, die die Wirtschaft erleiden musste, es eben die kollektiven Gegengefühle, Ausgrenzungen, das Misstrauen gegenüber dem Anderen waren, die sich in den Menschen verstärkte, und somit ihre Bereitschaft zur Kooperation, verglichen mit der Kooperationsbereitschaft im 19. Jahrhundert, stark untergrub. Diese massenpsychisch veranlagten Faktoren stellen ein Hindernis dar, wenn es darum geht die neuen, sich bietenden technischen Möglichkeiten und die Vorteile der Wirtschafts- bzw. Betriebsorganisation zu nutzen. (Vielleicht sind auch hieran wieder die Historiker Schuld, weil sie nicht klar genug zum Ausdruck bringen, wie sehr die Entwicklung und das Wachstum, welche sich in Europa im 15.-16. Jahrhundert beschleunigten, durch die europäischen Religionskriege im 16.-17. Jahrhundert – um es genauer auszudrücken, die in Folge der Reformation verursachten Religionskriege – abgebremst wurden. Die nötige Grundlage für die Beschleunigung der Entwicklung bildete sowohl das günstige Klima der Region, aber gleichwohl die Geldwirtschaft, der Handel und die Schriftlichkeit sowie die Herausbildung der Intellektuellenschicht. Ein Vergleich mit der Geschichte zu Anfang des 20. Jahrhunderts weist wahrlich erstaunliche Ähnlichkeiten auf – wobei der Historiker es sich selbstverständlich versagt auf Parallele zu verweisen…)

Seit seiner Gründung im Jahre 1990 betrachtete das Europa Institut Budapest die Erforschung der europäischen Integrationsprozesse als ihre prioritäre Aufgabe, mitunter vor allem die Erforschung der Auswirkungen der europäischen Integration auf die Menschen und die Naturwelt des Karpatenbeckens und ebenso auf die möglichen Vorteile und Nachteile dieser Entwicklung. Aus diesem Grund wandten wir uns so oft den historisch bedingten Faktoren zu, welche die hier lebenden Völker gegeneinander wandten. (Das Métier des Historikers kam in diesem Zusammenhang nur insofern gelegen, dass es das Augenmerk und das angesammelte Wissen eines Historikers bedarf, um die historischen Gründe der heutigen Konflikte zu erkennen und unsere Aufmerksamkeit darauf zu lenken, dass ohne die Auflösung der Nachbarfeindlichkeit im historischen Alltagsdenken es nicht möglich ist fachgerecht über die in Folge der Integration entstehenden Vorteile und Nachteile zu diskutieren.) Aus diesem Grund sprachen wir so oft – im Rahmen der von uns organisierten Konferenzen und in den von uns veröffentlichten Publikationen – über die Minderheitenfrage. Und in diesem Zusammenhang vertreten wir die folgende Meinung: Wir können aus dem Grund nicht fachgerecht an die Frage der Vor- und Nachteile der Integration herangehen, weil die Minderheiten der eigenen Nation in den Nachbarstaaten leben (sowohl in Ungarn als auch in den benachbarten Staaten), die wegen ihrer national-ethnischen Zugehörigkeit benachteiligt werden (sowohl in Ungarn als auch in den Nachbarstaaten). Wir müssen uns somit von den folgenden zwei Lasten massenpsychologischen Charakters loslösen: die Wurzeln der historischen Wunden ebenso wie die nationalen Minderheitenkonflikte.

Um aber auf die präferierten Themenbereiche des Europa Instituts zurück-zukommen, darf somit das Programm der historischen Versöhnung in der Region auf keinem Fall aufgegeben werden, welches – unserer Meinung nach – möglicherweise sogar das wichtigste Programm der vergangenen 20 Jahre war, und welches möglicherweise den größten „Allgemeinnutzen” für die ungarische Gesellschaft und die weiteren Gesellschaften, die in der Region leben, bringt.

 

2. Verschiebung der Schwerpunkte bei den Tätigkeitsformen des Instituts

 

Wir blicken nun zurück auf die nunmehr 20-jährige Geschichte des Instituts. Ebenfalls auf die bei der Gründung festgesetzten Zielsetzungen; darauf, welche für die Verwirklichung der einzelnen Zielsetzungen gewählten Tätigkeitsformen wir in den Vordergrund stellen sollen? Sollte es die Organisation von Konferenzen sein oder die Verleihung von Stipendien an junge Forscher bzw. Gastprofessoren, das Starten von Forschungsprojekten oder die Veröffentlichung von Publikationen?

 

a.) Die Zeit nach der sowjetischen Besatzung: Reisefreiheit, Stipendiumsprogramme
(1990–1995)

Bei der Gründung des Instituts, im Zeitalter als die sowjetische Besatzungszeit ihrem Ende nahte bzw. das sowjetische System abgeschafft wurde, erschien es uns am wichtigsten – aus der Sicht der Zielsetzungen betrachtet, welche sich auf die Förderung der europäischen Vereinigung bezog –, dass wir so viele junge postgraduelle Forscher wie nur möglich nach Ungarn holen sollen. Die Stipendiaten, die bei uns zu Gast und im Wohnheim des Instituts ansässig waren, verbrachten in den ersten 10 Jahren insgesamt mehr als 1.000 Monate bei uns in Budapest. In dieser Zeit betrachteten wir die für sie organisierten Werkstattgespräche, die mit ihnen gemeinsam geführten Brain stormings, als unsere wichtigste Aufgabe. Selbstverständlich war es uns ebenso wichtig renommierte Intellektuelle und führende Politiker aus ganz Europa zu uns einzuladen, um Vorträge zu halten. Sie sollten dadurch Budapest in das europäische geistige Leben „einbinden”. Dies war die Zeit – und hierüber sprachen wir bereits im Rahmen unserer Rückerinnerungen bei der letzten Sitzung des Wissenschaftlichen Beirats –, die Jahre 1990-1995, als die junge Generation in Osteuropa die Vorteile, die ihnen das Abreißen des Eisernen Vorhangs bot, vollends genießen wollten, und sie reisten, lernten Fremdsprachen und betrachteten es als ihre Lebensaufgabe einander kennenzulernen und auf diesem Wege zugleich ihre eigene Kultur dem Anderen nahe zu bringen. Das war zugleich die Zeit als die Europäische Union gegründet wurde – 1992 –, es war die Zeit als der Kalte Krieg beendet bzw. abgeschafft wurde, als man (als wir) in Europa die freie Bewegung des Geistes und der Menschen, das gegenseitige Kennenlernen für das Wichtigste erachtete(n). Und das war die Zeit als sich die Kooperationsbereitschaft zwischen der Zivilgesellschaft und den politischen Akteuren bzw. der Unternehmergesellschaft im Bereich der Kulturförderung vollends entfalten konnte. Es ist allgemein bekannt, dass die Regierungen in Westeuropa nach dem Zweiten Weltkrieg – wie auch bei uns nach 1990 – den Stiftungen bedeutende Steuerbegünstigungen boten, wenn diese gemeinnützige Aufgaben übernahmen, mitunter die Weiterbildung von jungen Intellektuellen, Organisation von fachwissenschaftlichen Diskussionen. Die Vergabe von unbesteuerten Stipendien war eine Form der Begünstigung, die der Steuerfreiheit unterlag. (Es könnte gar eine separate Studie über das folgende Thema verfasst werden: Welche waren die Erträge, die im Bereich der Finanzierung der Kulturpolitik in Europa durch die Zubilligung der Steuerfreiheit für Stiftungen erzielt wurden? In der Geschichte der Kulturpolitik dauerte diese Zeit in Westeuropa bis 2000 und in Ungarn bis 2008 an. Wir vertreten die Meinung, dass diese Form der Kulturfinanzierung als ein Produkt des europäischen Wohlfahrtsstaates für die Bereiche Kultur und Wissenschaft zu betrachten ist. Dem müssen wir noch hinzufügen, dass diese Form der Kulturfinanzierung vom Staat als ein Mittel angewandt wurde, um die Zivilgesellschaft zu mobilisieren bzw. zu der Verrichtung von gemeinnützigen Aufgaben Privatkapital einzubeziehen. Die Begründer des Europa Instituts Budapest waren als renommierte Akteure der Zivilgesellschaft in vielen solcher europäischer kultureller „Unternehmen” vertreten. Und genauso waren auch unsere späteren Förderer bestrebt uns bei der Kräftigung unseres Zivilverhaltens zu unterstützen.)

 

b.) Auf dem Weg in die Europäische Union. Nationalstrategien, Konferenzen (1995–2004)

Das folgende Jahrzehnt (1995–2004) brachte uns eine Reihe von neuen Aufgaben. Die Vorbereitungen für die östliche Erweiterung der Europäischen Union liefen an. Nahezu alle politischen Richtungen in Europa kamen darüber zum Einverständnis, dass die östliche Erweiterung notwendig sei. Bei den Debatten wurde „lediglich” darüber diskutiert, zu welchem Zeitpunkt und in welchem Tempo die Erweiterung durchgeführt werden bzw. welche geographische Ausdehnung die Europäische Union haben sollte. Und darüber welche Beitrittskriterien in Verbindung mit der Unionsfähigkeit festgesetzt werden sollten. Es wurden Konferenzen und abermals Konferenzen organisiert. Und zwar europaweit in allen führenden intellektuellen Werkstätten des Fachbereichs Sozialwissenschaften. Analysen über Wirtschaft, politische Systeme, Fragen zur Gestaltung des erweiterten Europas. Und das Europa Institut Budapest entwickelte sich zu einem der Akteure dieser „Welt der Konferenzen”. (Zum einen dadurch, dass der Direktor ständiger Mitglied der wissenschaftlichen Kommissionen der größten Zivilinstitution Europas, der Bertelsmann Stiftung, wurde, und somit auch das Europa Institut Budapest in den wissenschaftlichen Kreislauf Europas eingebunden werden konnte.) In den Jahren 1995–2004 wurde das Monitoring der wissenschaftlichen Bereiche der Kandidatenländer durchgeführt, ebenso die Bewertung der Beitrittsvorbereitungen Ungarns, die Analyse der sozialen und ethnischen Spannungen, und es wurden ebenfalls die Möglichkeiten der Annäherung der Völker der Region erforscht – diese waren also die Zielsetzungen, die in den Jahresprogrammen des Instituts angeführt wurden. In der Geschichte des Europa Instituts war dies die lang anhaltende „Zeit der Konferenzen”. (Es wurden jährlich 6-8 große internationale Konferenzen organisiert.) Die bekanntesten Persönlichkeiten der führenden europäischen Intellektuellenschicht waren – unserer Einladung folgend und als Referenten der von uns organisierten Konferenzen – in dieser Zeit in Budapest zu Gast. Und das war ebenfalls die Zeit – die Jahre 1995–2004 – der Aufstellung von Strategien. Wie genau soll diese erweiterte Europäische Union aussehen? Wo genau ist der Platz der einzelnen Staaten bzw. Nationen in dieser neuen Welt zu suchen? Handel, Kultur, Wirtschaft. Was uns aber – verständlicherweise – am meisten interessierte was der Platz, den die kleinen Nationen in diesem Europa der Zukunft einnehmen werden. Ob die sozialen und ethnischen Konflikte in den ehemaligen Staaten der sowjetischen Besatzungszone wohl den europäischen Integrationsprozess nicht behindern werden? Ob die Wirtschaftsunsicherheiten in den hiesigen Ländern wohl nicht das Erscheinen von Unsicherheiten genereller Art innerhalb der Union heraufbeschwören werden? (Damals war es noch nicht Griechenland und Portugal, wegen denen man, wegen denen wir, um die wirtschaftliche Stabilität der EU bangten, sondern Polen. Ja, ja, wie sehr sich letztendlich die Sozialwissenschaftler täuschen können, beinahe so sehr wie die Astronomen oder die Chemiker…) Welche Rolle sollte dem Donau-Korridor innerhalb des sich neu formenden Transportnetzwerks des Weltmarktes zugeteilt werden, denn die in östliche und westliche Richtungen verlaufenden Routen mussten neu gezeichnet bzw. errichtet werden. Selbstverständlich interessierte uns am meisten, wie sich die Zukunft der südöstlichen Erweiterung der Europäischen Union gestalten wird. (Dann, 2005 war es so weit und es wurde der Entschluss gefasst, dass das wirklich große Projekt der Union schließlich tatsächlich die Erweiterung in Richtung Südosteuropas, des Balkans sein würde.) Wie aber können wir mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln zu der Förderung der südöstlichen Erweiterung beitragen? (Dies war die Zeit als wir unsere zuvor – bereits 1991 – unterbreitete These neu formulierten: Sollten die in den vergangenen 200 Jahren stets neu entfachenden ethnischen Konflikte zwischen den Völkern der mittelosteuropäischen Region nicht aufgelöst werden können, so wird es nicht möglich sein eine Kooperationsbereitschaft zwischen den Völkern dieser Region zu erwirken. Denn es gibt zwei Terrains, wo diese ethnischen Konflikte wirksam werden: das gegenüber dem Anderen gehegte überhitzte Ressentiment, welches im Geschichtsdenken verankert ist, sowie das Fehlen der kollektiven Minderheitenrechte in den hiesigen Staaten. (Aus diesem Grund starteten wir 2007, als Rumänien und Bulgarien in die Europäische Union aufgenommen wurden, die Konferenzreihe „Historische Versöhnung im Karpatenbecken”. Wir bezogen uns hierbei auf die Beispiele der Versöhnungsprozesse zwischen Frankreich und Deutschland [1961–1978], Deutschland und Polen [1970–1990], Österreich und Italien [1978–1991] sowie zwischen Finnland und Schweden als intellektuell-politische Unternehmen, die im Dienste der Vorbereitung der europäischen Integration unternommen wurden.) Und wir könnten die Aufzählung der strategischen – Europa- und nationalstrategischen – Themen, welche das Europa Institut Budapest im Rahmen der von ihm organisierten internationalen Konferenzen auf die Agenda setzte, noch lange fortsetzen. Und das war das Jahrzehnt in der Geschichte des Instituts als wir unsere „Publikationsaktion” starteten: 1995 initiierten wir die Veröffentlichung der Buchreihe „Begegnungen” (1995–2009 sind insgesamt 30 Bände erschienen), die die Konferenzmaterialien zu Europa- und Nationalstrategien sowie die Texte der im Institut gehaltenen Vorträge enthielten. (Unter den zuletzt veröffentlichten Bänden werden in drei Volumen, die ins Englische übersetzt wurden, die Auswirkungen der Erweiterung in Richtung Balkan behandelt.) Somit können wir festhalten, dass in den Jahren 1995–2005 – dem können wir noch hinzutun, dass sich diese Periode letztendlich bis 2009 hinzog – die ansehnlichsten Leistungen des Instituts in den Bereichen Konferenzorganisation und Redigieren von fremdsprachlichen Publikationen erzielt wurden. Dabei rückte das Stipendiumsprogramm in den Hintergrund. Zu einem, weil einfach keine entsprechend ernsthafte Nachfrage für das von uns angebotene Stipendiumsprogramm bestand. Es wurden ja bereits an allen Ecken und Enden Europas Stipendien vergeben, die staatliche Sphäre übernahm von der Privatsphäre die zuvor von ihr erfüllte Funktion der Stipendiumvergabe – sowohl im Westen als auch im Osten. (Es könnte wiederum das Thema der Untersuchung einer separaten Studie werden, welche Entwicklungstendenzen das Stipendiumsystem in den Jahren 1989–2000 durchlief.) Zum anderen, rückte das Stipendiumsystem auch deshalb in den Hintergrund, weil die Staaten – somit auch der ungarische Staat, bedacht oder unbedacht handelnd – den bestehenden Stipendiumsystemen das Vorrecht der Steuerfreiheit entzogen. (Auch über das Folgende könnten wir lange diskutieren: Was hindert den Staat daran zu erkennen, dass die Zivilsphäre, auf Grund der Erfahrungen der vergangenen 500 Jahre in Europa, am effektivsten gerade dadurch mobilisiert werden konnte, dass den Stiftungen Steuerfreiheit gewährt wurde.)

Wir schreiben das Jahr 2011. Bereits bei der letzten Sitzung des Stiftungsrates – 22. November 2011 – sagten wir das Folgende: In der Welt der europäischen Intellektuellen sind wir an eine Epochengrenze angelangt; dies bedeutet zugleich das Ende der Zeit als die politische Elite noch an der Kraft einer Kooperation zwischen der Zivilgesellschaft, den Unternehmern, den Intellektuellen, den professionellen Politikern und der Administration glaubte. Als – wir verbinden den Beginn dieser Epoche mit den Jahren 1961-1962, mit der Zeit als sich der Sozial- und Wohlfahrtsstaat in der euroatlantischen Region ausbildete – die europäische intellektuelle und politische Elite noch an die Kraft der klassischen europäischen Demokratie glaubte und die klassische Form der Agora von Neuem aufzustellen wünschte, wo die Meinungsfreiheit des Bürgers nicht allein die Grundvoraussetzung des Konzepts der Freiheit als solches, sondern ebenfalls als eine Möglichkeit der Ausformung von Gemeinschaftsstrategien angesehen wurde. Die Gründung der Europäischen Union erfolgte noch nach dem „Bottom-up” Prinzip, somit die Errichtung einer von unten nach oben verlaufenden Struktur, in den vergangenen Jahren hingegen kam es in Folge der Weltkrise – notwendigerweise – zur verstärkten Anwendung des „Top-down” Konstruktionsprinzips. Zugleich wuchs das in die Kraft des Staates gesetzte Vertrauen stark an – wie wir bereits hierauf zuvor verwiesen haben. Um aber auf unsere Tätigkeitsformen zurückzukommen: Der Staat ist im Weiteren – und hierbei handelt es sich längst nicht um eine Notwendigkeit – nicht an der Meinung der Zivilsphäre, den freien Foren der Intellektuellen interessiert. Auch in Ungarn wurden die Projekte, die in den Jahren 1996–2010 gerade auf dem Zustandekommen von Kooperationsvorhaben zwischen dem Staat und der wissenschaftlichen Sphäre beruhten, abgeschafft; das Stiftungssystem, das sich seit 1989 ausbildete, wurde umstrukturiert; der Großsteil der Stiftungen wurde „verstaatlicht”, d.h. die zuvor von ihnen versehenen Aufgaben wurden von der staatlichen Administration übernommen. Welche Auswirkungen wohl dies auf die Erstellung von fachpolitischen Strategien haben wird? Ob wir diesbezügliche jegliche Art von Voraussagen machen können, bleibt eine Frage? Welche Auswirkungen dies wohl auf die Eigeninitiativen der Zivilgesellschaft haben wird? Auch das können wir momentan nicht vorhersagen. Eins aber kann mit Bestimmtheit behauptet werden: Wir sind an das Ende einer Epoche angelangt, und es beginnt die Zeit, in der die Effektivität des Staates ausgebaut wird. Vielleicht wird diese Epoche erfolgreicher sein als die vorherige, zugleich aber auch frei von den unzähligen Debatten sein, welche die politische Administration – sowohl auf der einen als auch auf der anderen Seite – in den Vorjahren allzu gern ausfocht, nun aber die Meinung vertritt, dass es gerade diese Debatten sind, die die Effektivität, das effektive Handeln behindern. Sowohl auf der einen als auch auf der anderen Seite. Tatsache bleibt: Es gibt „niemanden”, somit keine Zielgruppe, für die wir Strategien erarbeiten sollen, und „niemanden”, also kein Zielpublikum, für das wir Konferenzen organisieren sollen, denn die Konferenzen zu strategischen Fragen, im Sinne eines Forums, entbehren jeglichen Sinn, wenn sich hierfür kein Interesse von Seiten der politischen Entscheidungsträger zeigt… (Bei der letzten Sitzung des Stiftungsrates am 22. November 2010 – aber auch im Rahmen der Sitzung des Wissenschaftlichen Beirates am 28. Mai des gleichen Jahres – gelangten wir bereits zu der folgenden Aussage: Es sollen weniger Konferenzen organisiert und mehr Werkstattarbeit durchgeführt werden. Wir müssen somit im Herbst 2011 bei den Sitzungen des Wissenschaftlichen Beirates und des Stiftungsrates darüber diskutieren, wie sich die Proportion der einzelnen Tätigkeitsbereiche gestalten soll.)

 

c.) Der Versuch zur Errichtung eines europäischen einheitlichen Bildungssystems:
mit voller Kraft voraus in Richtung der universitären Lehre (2005–2010)

2005 wechselten wir den Kurs: Wir wandten uns mit vollem Einsatz der universitären Lehre zu. Dies war die Zeit als die Europäische Union das neue einheitliche Bildungssystem, somit das zweistufige System der BA- und MA- Studiengänge, schuf und 2008 in den Mitgliedstaaten einführte. (Es bot sich uns die Gelegenheit eigene, persönliche Erfahrungen mit Hinsicht auf die Entwicklung dieses Vorhabens zu sammeln, wobei wir das leitende Prinzip dieses Bestrebens enthusiastische bejahten, demnach ein System der Intellektuellenbildung errichtet werden soll, bei der von Bukarest bis Dublin gleichwertige Diplome vergeben werden und die Hochschulausbildung auf dem gleichen Niveau gewährleistet wird. Hierdurch würde nämlich innerhalb der Europäischen Union die Kompatibilität der zukünftigen Generationen der Intellektuellen gesichert werden.) Dies war der Zeitpunkt als der Stiftungsrat des Instituts entschied, dass wir uns neben der Fortsetzung unserer postgraduellen Bildungsprogramme ebenfalls in die graduelle Ausbildung eingliedern sollten, sofern sich hierfür eine Möglichkeit bieten würde. (Dies geschah auf die persönliche Initiative eines unserer Mitbegründer, Senator Dr. Herbert Batliner. Und das war auch, was uns zur Teilnahme an der universitären Lehre – sowohl auf gradueller als auch auf postgradueller Ebene – bewegte, wie auch die Tatsache, dass unser Institut im August 2006 von Herrn Prof. László Bitó eine bedeutende Unterstützung erhielt – wobei einer der Zielbereiche der Förderung gerade die Ausbildung einer Intellektuellenschicht ist, die sich weltweit zu etablieren vermag und die sich eine kosmopolitische Betrachtungsweise aneignet.) Es standen drei Themenbereiche zur Auswahl, welche dafür geeignet waren uns den Eintritt in die universitäre Lehre zu ermöglichen. (Alles in allem funktioniert die Hochschulausbildung ähnlich wie ein Marktplatz, wo ein Wettbewerb um die Vorrechte der Verkaufsstände – somit um die Lehrstühle und die Studieneinheiten – betrieben wird.) Der erste Themenbereich war die Museologen-Ausbildung – der Direktor des Instituts war als Begründer des Fachs Museologie hier bereits präsent. Der Zweite war die Wissenschaftsgeschichte (die Historiographie, also die Geschichte der Geschichtsschreibung), die innerhalb dieses EU-Bildungssystems seit 2007 zum Pflichtfach ernannt wurde und der Direktor wie auch mehrere Mitarbeiter des Instituts bereits in den internationalen Kommissionen dieses Fachbereichs vertreten sind. Der Dritte war das von uns angebotene Studium „Einführung in die Geschichte und das Institutionssystem der europäischen Integration”. (In den Jahresberichten über die vergangenen zwei Jahre unserer Tätigkeit berichten wir wiederholt darüber, dass der Programmplan dieses Studienfaches vom Europa Institut ausgearbeitet und von der Ungarischen Akkreditierungskommission – auf der Ebene des MA-Studiengangs – akkreditiert wurde. Somit begannen wir 2009 den universitären Unterricht und konnten bald ernsthafte Ergebnisse vorweisen. Wir berichteten zuvor ebenfalls darüber welchen positiven Widerhall die Einführung dieser neuen Form des Unterrichts hatte, wo gemeinsam mit den Studenten ebenfalls die Professoren und Assistenten des Instituts sowie eingeladene Gäste an den Seminaren teilnahmen und so die Lehrveranstaltungen jeweils in Form einer kleinen Konferenz abgehalten wurden.)

September 2010 erfolgte sodann eine Wende im Bildungssystem. Die Regierung gab die folgende Ankündigung: Die vom Staat finanzierte Hochschulausbildung soll umstrukturiert werden, die Zahl der Studenten an den philosophischen Fakultäten soll vermindert und parallel die Zahl der Studenten in den Hochschuleinrichtungen der Intellektuellenausbildung für die Bereiche Naturwissenschaften und Technik erhöht werden. (Und es bietet sich in diesem Zusammenhang wieder ein Thema für eine separate Studie: Welche Zusammen-hänge lassen sich zwischen dem Erscheinen dieser Tendenz in Europa und dem Untergang des Sozial- und Wohlfahrtsstaates der vergangenen 50 Jahre herstellen…) Zweifellos erfordert die neuere industriell-technischen Revolution, die Verbreitung bzw. Entfaltung der Informationsgesellschaft umfassende technische und naturwissenschaftliche Kenntnisse; die Nachfrage nach den Berufen in diesen Fachbereichen steigt eindeutig an; und die Prioritätsfelder der staatlich finanzierten Ausbildung müssen entsprechend geändert werden. Man muss aber ebenfalls sehen, dass in Europa die Berufe, die eine hohe technische Ausbildung erfordern, ebenso von der Intellektuellen-Arbeitslosigkeit betroffen sind – wie auch die USA mit dem gleichen Problem zu kämpfen haben, denn es sind die aus China und Indien einströmenden jungen Leute, die die Leerstellen in diesen Berufszweigen füllen. Wir müssen ebenfalls einsehen, dass nur wenige die naturwissenschaftlichen und technischen Berufe wählen, die von ihnen stärker belastende geistige und physische Leistungen erfordern; zugleich aber übersteigt die Zahl der Bewerbungen an den philosophischen Fakultäten, die im Anschluss an die Ausbildung im Berufsleben ein menschenwürdigeres Leben bieten, die Kapazitäten dieser Hochschuleinrichtungen. (Auch das gehört zu den „Errungenschaften” der Sozial- und Wohlfahrtsgesellschaft.) Aber auch das Folgende lässt einem keine Zweifel: Dadurch, dass der Staat – um Kosten einzusparen – gezwungen war seine Aktivitäten im Förderungsbereich öffentliche Kultur (Kunst, populärwissenschaftliche Leistungen und sogar Bildung) generell einzuschränken, werden in Zukunft weniger Fachexperten mit geisteswissenschaftlicher Ausbildung benötigt (Lehrer, Literaten, Historiker usw. und die Zahl der Arbeitslosigkeit unter den jungen Intellektuellen in diesen Berufen ist bereits heute enorm hoch.) Zweifellos überlässt der Staat den Unterricht von einer steigenden Anzahl an Schulfächern, deren Inhalte zuvor im Curriculum der Grund- und Mittelschuleinrichtungen enthalten waren, privaten Einrichtungen, somit der Privatsphäre (interessanterweise betrifft dies den Unterricht von Fremdsprachen bzw. Allgemeinbildungsfächern, wie Musik, Sport, usw.) Das bedeutet wiederum, dass immer weniger Lehrer in diesen Fächern benötigt werden.

Wir schreiben das Jahr 2011. Im Laufe des vergangenen Jahres brach an den Universitäten von einem Tag auf den anderen der „Kampf um die Studenten” bzw. „der Kampf um die Lehreinheiten” aus. Ebenfalls im vergangenen Jahr setzte eine Kündigungswelle an den Lehrstühlen der Hochschuleinrichtungen ein. Die Studenten bewerben sich ausschließlich an den Lehrstühlen, die Pflichtfächer anbieten bzw. ein Diplom verleihen, welches ihnen mit großer Wahrscheinlichkeit eine Arbeitsstelle auf dem Arbeitsmarkt sichert. Diese „geistige Atmosphäre” trägt dazu bei, dass die neu eingeführten Studien und die kleinen Fachrichtungen – somit auch das Studium der Geschichte und Institutionen der europäischen Integration – in den Hintergrund rücken werden. Bei der Sitzung des Stiftungsrates am 22. November 2010 wurde vehement darüber diskutiert, ob wir uns von unserer erfolgreichen universitären Lehrtätigkeit zurückziehen sollen. Vor allem, da die Einführung eines neuen Lehrstuhls oder Instituts an einer Hochschuleinrichtung mindestens 10 Jahr erfordert. Und wir, die Professoren des Instituts haben fest vorgenommen uns in den kommenden Jahren gerade dieser Aufgabe zu widmen. Und überhaupt, wenn der Staat sich in diesem Maß der Finanzierung der philosophischen Studienfächer entzieht (bis 2013 soll die für die Hochschulausbildung an den philosophischen Fakultäten bestimmte Förderungssumme um 30% Prozent zurückgehen), in wie weit können wir von der Privatsphäre – somit vom Europa Institut – erwarten, dass sie dennoch weiterhin in der philosophischen Hochschulausbildung präsent ist? Und es stellt sich ebenfalls die Frage, ob es einen Sinn hat die Anzahl der Arbeitslosen weiter zu erhöhen, und somit neue Arbeitslose zu produzieren? Und ist diese neue Zielsetzung, somit unsere Teilnahme an der graduellen Ausbildung, überhaupt finanzierbar? Denn ab 2011 wird der Staat weder zu der Entlohnung der Gastprofessoren bzw. Lehrbeauftragte noch zu den entstehenden Räumlichkeitskosten einen Beitrag leisten. Im Lichte dieser Entwicklung kam der Stiftungsrat im Rahmen seiner am 22. November 2010 gehaltenen Sitzung zum folgenden Entschluss: Wir sollen unsere Anwesenheit in der universitären Lehre zwar nicht aufgeben, aber uns dennoch allmählich auf die Ebene der postgraduellen Ausbildung bzw. in das wissenschaftliche Forschungsumfeld zurückziehen. Wir sollen parallel hierzu eine Strategie hinsichtlich unserer intensiveren Anwesenheit in den elektronischen Medien erarbeiten und zwar mittels der elektronischen Veröffentlichung der von uns herausgegebenen Publikationen. Letztendlich muss auch das Folgende zur Kenntnis genommen werden: In dieser neuen Epoche können wir die Zielsetzungen, die wir uns bei der Gründung des Instituts vorsetzten – im Sinne der Idee der europäischen Integration, welche wir zu vertreten wünschen –, weit effektiver mittels der Veröffentlichung einer elektronischen Zeitschrift verwirklichen als mittels der Ausbildung von 2-5 Studenten pro Studiengang… Eine einfach, aber umso klarer formulierte Überlegung, welche nach einer langen Diskussion auf Einverständnis der Anwesenden stieß.

 

d.) Schwerpunkt Werkstattarbeit und das Öffnen in Richtung des World Wide Web.
Elektronisches Publikationssystem (ab 2011)

Im Folgenden seien unsere Schlussfolgerung und unser Vorschlag hinsichtlich der Neugestaltung der Tätigkeitsformen des Instituts angeführt.

Die Organisation jährlich einer internationalen wissenschaftlichen Konferenz. (Die Veranstaltung soll möglichst alle der zuvor angeführten drei Themenbereiche abdecken: europäische Integration, Wandel der natürlichen Umgebung und sozialer Wandel in Mittelosteuropa – Donauregion – sowie die historische Versöhnung in Mittelosteuropa. Bereits im Vorjahr entschieden wir uns auf diese Weise für das zu behandelnde Thema unserer diesjährigen Wissenschaftstagung: Von der nationalen und religionsbezogenen Multikulturalität bzw. Zusammenleben bis zu den Massenmorden. Fallstudie: Vojvodina.)

Die Organisation von jährlich 6 Werkstattkonferenzen (Werkstattgespräche), wobei die konkrete Themenwahl der jeweiligen Vorträge und Referate den zuvor angenommenen und präferierten Themenbereichen entnommen werden sollen.

Teilnahme des Institutes an der universitären Ausbildung, wobei die auf diesem Gebiet eingesetzten Kräftepotentiale graduell abgebaut werden sollen. Es muss zur Kenntnis genommen werden, dass die Eötvös-Loránd-Universität sich derzeit nicht in der Lage befindet verbindliche Verpflichtungen einzugehen und zwar trotz der Tatsache, dass sie für die von uns angebotenen Lehrinhalte sehr wohl dienliche Anwendung finden würde.

Neugestaltung unseres Publikationssystems. (Hierbei muss zur Kenntnis genommen werden, dass die Zukunft in der elektronischen Publikation liegt – vor allem in Verbindung mit den vom Europa Institut präferierten Themenbereichen.)

1. Die Fortsetzung der Buchreihe „Begegnungen” (ein Band pro Jahr, der ebenfalls elektronisch in Form eines sog. E-Buches „veröffentlicht” werden soll).

2. Die Förderung und Weiterentwicklung unseres elektronischen Publikationssystems. Zu einem soll die Homepage des Instituts erneuert werden und zwar ähnlich einer monatlich aktualisierten „Mitteilung”, welche Aktuelles zu den präferierten Themenbereichen enthält (europäische Integrationsbestrebungen und ihre Geschichte; Donauregion: Migration, Zusammenleben von Nationen und Glaubensbekenntnissen, Analyse der politischen und sozialen Herausforderungen, die in Folge des Systemwandels entstanden, Naturgeschichte, insbesondere die Naturgeschichte und die aktuellen Probleme in Verbindung mit dem Wassereinzugsgebiet der Donau. – Für dieses Thema können wir dank der Großzügigkeit eines unserer Professorenfreunde die finanzielle Grundlage für die kommenden fünf Jahre sichern.) Zum anderen soll die Datensammlung zur Geschichte Ungarns sowie zur Europa-Geschichte weiter ergänzt werden (Historische Datensammlung), die somit sowohl in Ungarn als auch im Ausland als ein einzigartiges Repertoire an Daten, Materialien und Informationen gelten würde, insbesondere soll hierbei der fremdsprachlichen Publikation – auf Englisch und Deutsch – besondere Beachtung geschenkt werden.

 

3. Akzentverschiebungen und Kräfteumgruppierung

 

All dies macht die Umgruppierung unserer finanziellen Mittel und unseres gegenwärtig zur Verfügung stehenden Personalbestands erforderlich. Im Rahmen der diesjährigen Sitzung des Wissenschaftlichen Beirats und des Stiftungsrats möchte ich zur Diskussion eben dieses Thema anregen.

  

Budapest, den 18. Juli 2011.

Ferenc Glatz