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Begegnungen
Schriftenreihe des Europa Institutes Budapest, Band 16:11–14.

FERENC GLATZ

Im Interesse der kulturellen Diversität Europas

Ansprache anlässlich der Überreichung des Preises

 

Sehr geehrter Herr Staatspräsident,

Herr Vizekanzler,

geehrte Herren Botschafter,

verehrter Herr Batliner und Präsident Kosáry,

werte Freunde!

 

Eine der wunderbarsten Besonderheiten der europäischen Kultur ist ihre Vielfarbigkeit – die ethnische und konfessionelle Vielfalt. Biologen sprechen von einem Begriff der biologischen Diversität, d.h. davon, dass einer der bedeutendsten Schätze der Natur ihre Verschiedenheit ist. Und sie sprechen davon, dass es eine der wichtigsten Aufgaben des Umweltschutzes ist, die biologische Diversität zu wahren, zu verhindern, dass gewisse Tier- und Pflanzenarten aussterben. Werte Freunde, gern verwende ich nach dem Vorbild des Begriffes von der biologischen auch jenen der kulturellen Diversität. Die Wahrung der kulturellen Diversität, d.h. der kulturellen Vielfalt sollte eines der Ziele der Menschheit sein. Die Wahrung der einen ist eine ebenso wichtige Aufgabe, wie der Erhalt der anderen. Das 21. Jahrhundert wird jenes von Globalisierung und Integration sein, und das ist gut so. Das 21. Jahrhundert sollte keines der Uniformierung sein. Wir sollten alles daran setzen, die auf unserem Globus existierenden zahllosen Kulturen – die vielen Sprachen, Sitten und Verhaltensformen – auch im 21. Jahrhundert beizubehalten.

Meine Generation bemüht sich seit Jahrzehnten um die Wahrung, den Beibehalt der Vielfalt der europäischen Kultur. Zunächst durchlebten wir die Verkehrsrevolution, dann mit den Telefonen jene der Informatik. Parallel dazu waren wir Zeugen einer Explosion der Massenkommunikation, auf dem Gebiete von Rundfunk und Fernsehen. Und gegenwärtig sind wir Zeugen einer kulturellen Globalisierung, von der wir fürchten, dass sie für gewisse Bereiche die Uniformierung bedeutet. Von uns hängt ab, ob die Kulturen der kleinen Nationen im Rahmen der globalen Kultur bestehen und sich zu erneuern vermögen oder aber in Subkulturen versinken. Traurig müssen wir mit ansehen, wie die Verwaltung des französischen Nationalstaates anderweitige Kulturen auf dem Territorium seines Landes lebender vieler Millionen unterdrückt – denken wir doch nur an die der Okzitanen, Bretonen usw. Mit Bedauern sehen wir, wie mit dem Voranschreiten der Integration der Gebietsverwaltung in Großbritannien die Kultur von Wales z.B. im 18.–19. Jahrhundert auf das Niveau der Subkultur sinkt. Französische Bretonen und walisische Familien in England sprechen ihre Sprache ausschließlich im Gemeinde- und Verwandtenkreis. Somit werden praktisch jene in eine Subkultur gedrängt, die nicht in der Lage waren, sich die Staatssprache – das Englische oder Französische – vollkommen anzueignen. Jetzt haben sie, die kleinen Nationen, an der Schwelle des 20.–21. Jahrhunderts Angst davor, dass die Lingua franca und in erster Linie das Englische eine Konservierung der Sprachen dieser Kulturen zur Folge haben, da in kleinen Kulturen aufwachsende Menschen im Interesse ihres Vorankommens die Weltsprachen sprechen müssen. Wird dies nun tatsächlich die Zukunft sein – ein oder zwei Großkulturen ringen die kleinen Kulturen nieder? Denn dies liegt ja auch im Interesse von Wirtschaft, Handel und Wissenschaft, d.h. allem, was von Natur aus global ist.

Wir sind viele – und ständig mehr –, die es als ihre Aufgabe erachten, das 21. Jahrhundert zu einem multikulturellen zu gestalten, die gewisse kulturelle Diversität am Leben zu erhalten. Die das Europa Institut gründenden Persönlichkeiten, meine Freunde Herbert Batliner und Erhard Busek sowie ich haben das Europa Institut Budapest im Jahre 1989 von jener Zielsetzung geleitet geschaffen, die auf dem Kontinent Europa existierenden Kulturen miteinander bekannt zu machen, damit im Rahmen der europäischen Integration eine jede kleine Nation – und so auch die ungarische – ihren Platz finden kann. Im Mittelpunkt der bisherigen 10jährigen Tätigkeit des Europa Institutes stand immer der Erhalt der kulturellen Vielfalt Europas. Schon deshalb freut es mich, dass diesjähriger Preisträger des von Herrn Batliner gestifteten Corvinus-Preises Paul Lendvai sein wird, ein Kollege, der im Verlaufe der vergangenen 30 Jahre so viel für Bekanntmachung und Emanzipation der kleinen Nationen Mitteleuropas in Europa tat. Jetzt, an der Schwelle des 20. zum 21. Jahrhundert, werden wir uns dessen bewusst, dass die in der Region seit Jahrhunderten gemeinsam lebenden und so oft einander feindlich gegenüber stehenden kleinen Nationen mehr gemeinsame Interessen verbinden als widersprüchliche Interessen sie trennen würden. Das Europa Institut vergibt deshalb Stipendien an Forscher aus aller Welt und gibt den Stipendiaten aus Rumänien, Russland, China, Afrika, Amerika usw. eine gemeinsame Heimstatt, damit die Welt Kenntnis von der europäischen und mitteleuropäischen kulturellen Vielfalt erhält und sie schätzen lernt.

Der Corvinus-Preis wurde von Herrn Herbert Batliner gestiftet und der Stiftungsrat des Institutes verleiht ihn alle zwei Jahre. Er dient dem Ziel, Personen auszuzeichnen, die sich aktiv an der Knüpfung geistiger Beziehungen zwischen jenen kleinen Nationen und ihren Nachbarn bzw. zur ganzen Welt beteiligen. Erstmals erhielt diesen Preis 1997 der Regisseur István Szabó, dann 1999 Andrei Pleşu und in diesem Jahr nun bekommt ihn Paul Lendvai. Regisseur und Oscarpreisträger István Szabó hat im vergangenen Jahrzehnt vielleicht am meisten geleistet, um historische und gesellschaftliche Werte Ostmitteleuropas und Ungarns der Welt zu vermitteln. Neben herausragendem Intellekt und Talent hatte er das Glück, sich in jungen Jahren einer kenntnisvermittelnden Technik, dem Film, zuzuwenden, welcher sich inzwischen zum erstrangigen Mittel der Vermittlung von Kenntnissen in der Welt entwickelte. Andrei Pleşu war 1999 Außenminister Rumäniens, 1989 Kultusminister seines Landes – zur gleichen Zeit da Erhard Busek österreichischer und ich selbst ungarischer Kultusminister waren. Andrei Pleşu machte sich um die Bekanntmachung des rumänischen Volkes in Europa verdient, die Stärkung der rumänisch-ungarischen und rumänisch-slawischen Beziehungen, des Europagedankens aus Bukarester Sicht. Paul Lendvai, d.h. Lendvai Pál, Intendant des österreichischen Rundfunks und Fernsehens, ist der bekannteste Osteuropa-Experte auf dem Gebiet der gedruckten und elektronischen Medien. Wir müssen hinzufügen, dass er – egal ob in London, Amerika oder auf dem Balkan – die Interessen des Erhaltes der Kulturen kleiner Nationen Osteuropas mit außerordentlicher Empathie vertritt. (In Klammern sei noch angemerkt: zwar ist seit 1956 Österreich seine Heimat und in London bewegt er sich – teils seiner Gattin wegen – wie auf heimischem Terrain, doch betont er überall und immer wieder, dass er alle Sprachen mit Ausnahme des Ungarischen nur mit Akzent spreche – und zwar mit ungarischem Akzent.) Lendvai also personifiziert die Emanzipierung der Kultur kleiner Nationen. Kultur der kleinen Nation sowie Traditionswelt sprechen zwar unterschiedliche Sprachen, was aber nur soviel bedeutet, dass mit sich gebrachte Traditionen der Kultur kleiner Nationen ein globales Forum erhalten.

 

Sehr geehrte Damen und Herren!

Ganz besonders freut mich, dass Herr Staatspräsident Ferenc Mádl unsere heutige Veranstaltung mit seiner Anwesenheit ehrt. Ferenc Mádl ist eines der Gründungsmitglieder des Europa Institutes, von Beginn an im Wissenschaftlichen Beirat vertreten. Das Institut wurde derzeit zu 100 % aus Privatgeldern finanziert und es war sein Ziel, der Intelligenz ein Zivilorgan sowie ein Zivilforum zu bieten. Herbert Batliner als Stifter und bisheriger Spiritus rektor des Institutes, Domokos Kosáry sowie wir, die Mitglieder der jüngeren Generation – Erhard Busek, Lajos Vékás, Károly Manherz – wünschten, ein solches Institut zu gründen, welches mittels Publikationstätigkeit und Erziehung von Jugendlichen zu einer Institution der Autonomie europäischer Intelligenzler zu werden vermag. Egal, wohin uns das Schicksal trieb – über einen kürzeren oder längeren Zeitraum hinweg waren wir in der staatlichen oder wirtschaftlichen Administration tätig: doch wir sind immer Intellektuelle geblieben, haben immer an die Gesellschaft auf der Basis des Wissens geglaubt, an die Werte vermittelnde Bildung – und so blieben wir auch bei der Ausübung von Amtshandlungen autonome geistige Intellektuelle. Dies trifft auch auf Ferenc Mádl zu, der 1990 zunächst in der Administration arbeitete, 1993–94 Minister war, nun Staatspräsident ist und Intelligenzler blieb. Schon aus diesem Grunde begrüßten die ungarischen Intellektuellen seine Wahl zum Staatspräsidenten. Die europäische Elite freut sich besonders, weil auch der Intelligenz ein Platz in der Politik zukommt, neben jenen Berufspolitikern, die sich gern als professionelle Politiker bezeichnen. Wir sind also glücklich darüber, dass die Intelligenz ebenfalls in der Politik vertreten ist, doch haben wir natürlich Angst, dass die Parteipolitik gleichfalls bei den Intelligenzlern Einzug hält. Auch das Europa Institut politisiert – nicht aber im parteipolitischen Sinne des Wortes. Uns interessiert die auf lange Frist zur Geltung kommende kulturelle und ökonomische Tätigkeit der auf dem europäischen Kontinent lebenden Gesellschaften. Wir wünschen, dem neuen europäischen öffentlichen Leben Geltung zu verschaffen. Wir möchten Intellektuelle erziehen, die als stolze Bürger bei der Gestaltung einer wettbewerbsfähigen europäischen Wirtschaft, Kultur und Politik mitwirken.

 

Geehrte Damen und Herren!

Die Gründer des Europa Institutes und seine gegenwärtigen Mitarbeiter möchten veranschaulichen, dass die klassische griechisch-römische Demokratie, die Selbstorganisation der Bürger und zivile Foren im 21. Jahrhundert eine Zukunft haben. Auch der Corvinus-Preis möchte diesen Optimismus kräftigen.

Ich danke für ihre Aufmerksamkeit.