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Begegnungen
Schriftenreihe des Europa Institutes Budapest, Band 22:22–28.

ÁRPÁD GÖNCZ

Schriftsteller und/oder Politiker?

 

Im großen Webster Wörterbuch, worin die genauen Definitionen aller wissenswerten Begriffe aufgelistet sind, steht unter „Politik” der folgende Eintrag: „Ausführung einer politischen Tätigkeit oder Teilnahme an einer Tätigkeit dieser Art, oft als Berufung”. Präzisiert man die Bedeutung des Begriffes „politische Tätigkeit” erhält man: die tatsächliche Führung des Staates oder die Teilnahme an der tatsächlichen Führung des Staates als – und das ist keine Seltenheit – Berufung.

Im gleichen Wörterbuch steht unter „Literatur”: „Berufung als Schriftsteller, das Schaffen von geschriebenen Werken, hauptsächlich von erdachter Prosa, von Gedichten, usw.”

Aus den Definitionen der zwei Begriffe geht also eindeutig hervor, dass im allgemeinen (und im Einklang mit dem jahrtausendelangen Sprachgebrauch) die Ausübung der mit den zwei Begriffen verbundenen Tätigkeiten als Berufung angesehen wird, und zwar als Berufungen zwei verschiedener Arten. Dabei schließt die eine die andere nicht aus: bei beiden geht man von einem angeborenen Talent und einer Reihe von – angeeignetem – Wissen aus. Das benötigte Talent und Wissen ist bei den zwei verschiedenen Berufungen nicht gleich, doch gibt es bedeutende Abdeckungen. Phantasie, Einfühlungsvermögen, Menschenkenntnis, Ausdrucksvermögen und – um auch die Fehler zu nennen, die als Tugende geltend gemacht werden können- der Wunsch nach Selbstverwirklichung und ein wenig Eitelkeit sind bei beiden unabdingbar. Obwohl die Literatur ohne – sagen wir – Wirtschaftskenntnisse, die Politik ohne literarische und ästhetische Kenntnisse auskommen kann, gilt das Erkennen von gesellschaftlichen und historischen Zusammenhängen als die Vorbedingung für eine erfolgreiche schriftstellerische und politische Tätigkeit.

Sowohl das Schreiben als auch die politische Tätigkeit sind geprägt von einem inneren Drang zur Selbstdarstellung, und Kenntnis der menschlichen Beziehungen, Empathie und Intuition basierend auf einer breiten Palette von Erfahrungen zeichnen sowohl das Schreiben als auch die politische Tätigkeit aus. Es sind die Instinkte bei diesen Tätigkeiten, die dominieren, das Bewusstsein testet nur – bestätigt oder verwirft – die Entscheidungen, mit denen der Schriftsteller oder Politiker Einfluss auf die Menschen um ihn herum und seine weitere Umwelt in seinen Vorstellungen oder in der Wirklichkeit nehmen will. Mit oder ohne Erfolg. Sobald eine Entscheidung des Schriftstellers die inneren Proportionen, die innere Wahrheit des Werkes verletzt, wird das Werk unglaubhaft; wenn die Entscheidung des Politikers den zeitgenössischen Tendenzen in der Gesellschaft, in der Wirtschaft, in der Geschichte entgegenhält, verliert seine Politik an Glaubhaftigkeit. Und beweist somit, dass der Schriftsteller – oder Politiker – sich dem Meistertitel seiner Berufung nicht würdig erweist, und ein Stümper ist.

Natürlich kann eine falsche Entscheidung von Seiten des Schriftstellers nicht mit einer falschen Entscheidung eines Politikers verglichen werden: ein schlecht gelungenes Werk muss ja niemand lesen, aber die Last einer falschen politischen Entscheidung muss von Millionen getragen werden.

Was ich bis jetzt niedergeschrieben habe ist all zu simpel, wahrscheinlich sogar richtig, überaus, sogar übertrieben elegant. Und es wird nur noch glaubhafter, weil ich aus eigener Erfahrung das Leben des schriftstellerisch tätigen Schriftstellers und des amtierenden Politikers kenne: als Staatspräsident eines kleinen ostmitteleuropäischen Staates, der Republik Ungarn, war ich 10 Jahre lang bemüht das auf wilden Wogen strauchelnde Schiff eines existierenden Staates in einen sicheren Hafen zugeleiten.

Die Frage aber, ob jemand Schriftsteller und Politiker, Schriftsteller oder Politiker ist, muss als weit komplizierter betrachtet werden. Es hängt nicht allein mit dem vorhandenen Talent des Einzelnen zusammen, sondern mit dem Lebensraum, mit der Subkultur der gegebenen Region, mit den Traditionen, die den einzelnen Schriftsteller und/oder Politiker von der Wiege auf umgaben, und mit den gesellschaftlichen Umständen, die ihn zur Wahl zwischen den beiden Berufungen zwangen. Wenn es in unserer Region, in Ostmitteleuropa, mehrere Schriftsteller-Politiker gibt als sagen wir in Westeuropa, kann das kaum als Zufall, kaum als eine wunderbare Eigenart des Schicksals, und noch weniger als eine überdurchschnittlich große Anzahl an Schriftstellern mit genialem Talent für das Politische gelten. Die Gründe für diese Eigenart müssen vor allem in den gesellschaftlichen Umständen, vor allem in der lückenhaften Herausbildung des Bürgertums gesucht werden.

In Ungarn ist die Literatur (innerhalb dieser die Dichtung) ein Mittel der nationalen Selbstdarstellung, ähnlich der Rolle z.B. der Musik in Österreich, zum großen Teil des Dramas in Bohemien oder Polen.

Die wichtigsten Fragen, mit denen sich das Land auseinandersetzen musste, wurden mindestens seit zweieinhalb Jahrhunderten nicht von „professionellen“ Politikern, die auf Grund ihrer Klassenzugehörigkeit diese Tätigkeit ausübten, sondern von Intellektuellen, von Schriftstellern formuliert, die als relativ unabhängig angesehen werden konnten – und ihr Wort hatte mehr Gewicht als das Wort der Politiker. Nicht selten widmeten sie ihr Leben um die Richtigkeit ihrer Worte zu beweisen oder opferten sich gar dafür. Das gilt auch für die Zeit der sowjetischen Besatzung in Ungarn: das Wort eines Schriftstellers abgemagert an der Grenze der Verbote und des Erduldens reichte, wenn es glaubhaft war, mit Hilfe der Kapillare weiter als die in vielen Exemplaren erscheinenden, weit gepriesenen, hochstilisierten, also von Grund auf suspekten Werke. Ich spreche ausdrücklich von Belletristik: das Samisdat war in Ungarn nur zu einem geringen Anteil und nur in Ausnahmefällen literarischer Art. Die Samisdat-Herausgabe eines belletristischen Werkes hatte keinen Rang und wenn auch nicht aus politischer, doch aber aus ästhetischer Sicht erweckte sie eher Verdacht als Vertrauen. Ich könnte nicht sagen, was bei meiner Ernennung zum Präsidenten des Schriftstellerverbandes eine Rolle spielte als ich auf Grund meiner englischsprachigen übersetzerischen Tätigkeit und nicht in erster Linie als Roman- oder Dramenautor gewählt wurde – ich der langjährige, aber nur im engeren Kreis bekannter Mitarbeiter der demokratischen Opposition: meine Werke, meine Rolle bei den Ereignissen von 1956, meine politische Vergangenheit und die damit verbundene Gefängnisstrafe oder meine politische Tätigkeit. Unter diesen Umständen wurde ich von der wichtigsten freidenkenden Gruppe der Wende, dem Bund der Freien Demokraten, als Staatspräsident nominiert und diese Nominierung wurde von dem Forum der Ungarischen Demokraten, dem Sieger der ersten freien Wahlen, ebenfalls anerkannt. Wenn sie in Anbetracht des oben Geschilderten fragen, ob ich Schriftsteller oder Politiker bin, antworte ich Schriftsteller und Politiker. Jemand, der seine schriftstellerischen Fähigkeiten letztendlich den während seiner politischen Tätigkeit und der erlittenen Gefängnisstrafe angesammelten Erfahrungen, seine Präsidentschaft doch in erster Linie seinen schriftstellerischen Fähigkeiten verdankt. Jemand, dessen Werke aus seinen Erfahrungen auf dem Gebiet der Politik schöpfen, dessen Präsidentschaft mit seiner schriftstellerischen Tätigkeit verbunden ist. Laut der Verfassung der Republik Ungarn ist das Amt des Staatspräsidenten mit wenig Macht verbunden: die politische Macht ist konzentriert in der Hand des Parlaments und mittels dem Parlament in der Hand des vom Parlament gewählten Ministerpräsidenten – es ist die Persönlichkeit des Staatspräsidenten, die ihm politisches Gewicht verleiht. Sein Amt steht über den Parteien, sein Ansehen erhält er nicht in erster Linie von den politischen Kräften oder Parteien, die hinter ihm stehen, sondern durch seine Persönlichkeit.

Und diese tritt für die Außenwelt vor allem mittels seiner Worte zum Vorschein. Solange er lebt und kommuniziert: die lebendigen Zellen mit den Nachbarzellen, die Biene mit ihrem Tanz, der Mensch mit Worten.

Das Wort ist von Natur aus vergänglich, auch dann, wenn es festgehalten wurde und als Gedanke beständig und greifbar gemacht wird. Es kann aber zur Macht werden, denn alles was das Bewusstsein formt, was zur Tat anregt, ist Macht und nimmt somit sowohl auf das Schicksal des Sprechers, wie des Zuhörers Einfluss.

Das Wort ist also gleichzeitig eine Quelle der Gefahren und des Lebens; es verbindet, trennt, gibt Kraft oder macht kraftlos. Es wird von Menschen geschaffen, und gerade weil es menschlich ist, kann es menschenfeindlich werden.

Unser Zeitalter ist geprägt von einer schrecklichen Inflation der Worte, wir leben im Dickicht der Worte und gerade die Unzahl der Worte ist der Grund dafür, dass unser Lebensraum immer weiter eingeengt wird. Für uns ist die Zeit gekommen das Dickicht der Worte auszugeizen und zu veredeln. Es lohnt sich darüber nachzudenken, was das menschliche Wort eigentlich menschlich macht. Vor allem vielleicht, dass das mit seinem Gebrauch verbundene Ziel die Kommunikation ist und nicht das Trüben des Sinngehaltes. Das es von jemanden an einen anderen gerichtet ist, auch wenn es nicht immer gezielt bei der Person ankommt. Wenn der Kontext den Sinn des Wortes nicht auslöscht und wenn die mit ihm verbundene Absicht klar zu erkennen ist.

Ist es denn aber möglich, dass eine in Worte gefasste Nachricht einen anderen Menschen erreicht, sie muss doch ein Meer des Ungewissen durchqueren bevor sie zu einem anderen Menschen gelangt.

Das Ziel eines Schriftstellers und eines Politikers ist es aber gerade dass sein Wort gezielt ankommt, dass er sich verständlich machen kann, dass sein Wort zur Handlung anregt.

Mit einem Schwert kann man nur Menschen niedermetzeln, mit Worten aber kann man die Wahrheit töten oder – im positiven Sinne des Wortes – sie beschützen. Mit dem Töten der Wahrheit geht all das oder es gehen all die unter, die ihre Kraft aus der Wahrheit geschöpft haben, oder die gerade durch die Wahrheit entkräftet wurden. Die Wahrheit, dieser leichtflüchtige Begriff, den niemand wirklich definieren kann, der aber doch allen gegenwärtig ist, sehe ich als etwas Gegebenes an, etwas was sowohl für den Schriftsteller, als auch für den Politiker ein Mittel ist, oder eher ein Ziel. Besonders, wenn sie zum Handeln anregt.

Das Wort des Schriftstellers muss vor allem ausdrucksvoll sein. Es muss das, was der Schriftsteller als Wahrheit erkennt ausdrücken können. Es richtet natürlich nicht an alle Menschen, sondern ausschließlich an die Leser, die bereits mit Interesse sich dem Werk zuwenden, und – wenn sie nicht das finden was sie suchen – sich diesem schlimmstenfalls abwenden und das Werk niederlegen. Und ein weiteres Werk des Schriftstellers nicht ein zweites Mal in die Hand nehmen. Das mit dem Wort des Schriftstellers verbundene Risiko ist also – natürlich für den Schriftsteller selber eine Frage der Existenz – doch letztendlich eine Privatangelegenheit. Eine Privatangelegenheit zwischen dem Schriftsteller und dem Leser.

Das Wort des Politikers dagegen geht über das Private hinaus. In Folge seiner Worte werden mit großer Wahrscheinlichkeit eine Reihe von Gedanken angeregt, die zu Entscheidungen auf dem Gebiet des öffentlichen Lebens beitragen. Seine Worte können zur Handlung anregen oder zur Ablehnung führen. Sie werden zu einer öffentlichen Angelegenheit. Aus der Privatangelegenheit des Künstlers und des Lesers.

Erlauben sie mir hier eine kleine Abschweifung zu unternehmen: wie ich es bereits gesagt habe, sind dem Amt des Staatspräsidenten feste Grenzen gesetzt. Im Gegensatz zu ihm können die Teilnehmer der exekutiven Staatsgewalt zwar indirekt doch aber effektiv ihre Wünsche äußern (ich denke hierbei nicht an die Parlamentsdiskussionen), weil sie präzise verfasste Gesetze, Regelungen, Anordnungen zur Hilfe haben, mit denen sie Einfluss auf das Leben der einen oder anderen Gemeinschaft haben. Ihre Wortwahl mag also zwar ihre Beliebtheit beeinflussen, ist aber aus der Sicht des Bedeutungsgehaltes unabhängig von der individuellen sprachlichen Gestaltung.

Als Staatspräsident erkannte ich vor allem auf Grund der Erfahrungen der ersten Jahre, in denen die Grenzen meines Amtes klar zum Vorschein kamen, dass ich ein einziges eindeutiges Mittel zur Verfügung habe um mich selber und meine Bestrebungen verständlich zu machen. Das Mittel der Worte. Ich habe es früh erkannt, dass ich mich als einen glücklichen Menschen schätzen darf. Ich habe als Übersetzer, als Autor von Dramen bereits früher die Kraft der Worte kennengelernt.

Selbstverständlich ist das Genre – ob Epik, Drama, Gedicht – maßgebend für einen künstlerisch gestalteten Text, und dies verlangt vom Autor vor allem eine präzise visierte Ausdruckskraft.

Ein Politiker aber, der seine Worte als Mittel benutzt, muss seine Zuhörer über den Wahrheitsgehalt seiner Worte überzeugen können. Die Zuhörer werden dank des Fernsehens, des Radios, der Presse seine Worte an alle Bewohner des Landes weitergeben, wenn vielleicht auch nicht zu allen, doch zu denen, auf deren Schicksal (so denken sie zu mal) das Wirken des Politikers in irgendeiner Weise Einfluss nehmen kann.

Die Verantwortung des Schriftstellers und des Politikers kann also nicht gleichgesetzt werden. Das Wort des Schriftstellers ist grundsätzlich an den freiwilligen Interessenten gerichtet, das Wort des Politikers – im Prinzip – an alle. Daraus folgt, dass es völlig verständlich sein muss und moralisch unanfechtbar: die politische Lüge ist lebensgefährlich, für den, der sie ausspricht und auch für den, der sie sich anhört.

Erlauben sie mir ein Geständnis. Es hat niemand an meiner Stelle meine Reden geschrieben; ich habe auch selber entschieden, ob was ich denke gesagt werden kann oder nicht.

Ohne Frage sind die Erkennungszeichen für einen politischen Text – gleich zu welchem Thema – anders als für einen künstlerisch gestalteten Text. Vor allem, dass das erstere keine Zweideutigkeit, keine Spiele mit der Form, keine Fremd- bzw. allgemein un(verständliche) Worte duldet. Ich würde sogar den Luxus der langen Sätze zu dieser Liste setzen. Denn der politische Text verlangt, dass die Aufmerksamkeit des Lesers bis zum Schluss und bis auf die letzte Zeile des Textes auf den Inhalt gerichtet ist. So, dass ihn sowohl jemand ohne höheren Schulabschluss, wie auch ein Fachmann mit Universitätsabschluss versteht. Der Verfasser von politischen Texten darf also nicht nur zu einer erlesenen Gruppe reden, er kann nicht „Künstler“ sein.

In Anbetracht all dessen kann ich also sagen, dass in mir, dem Politiker, also zwei Schriftsteller leben. Der erste, der als Schriftsteller seine „erdachte“(erlebte) Aussage versucht „künstlerisch“ zu gestalten, und der zweite, der versuchte den uns umgebenden Alltag, eine Scheibe der lebendigen Wirklichkeit völlig eindeutig, in entblößter Form zu formulieren. Gegebenenfalls für Staatsoberhäupter aus dem Ausland, gegebenenfalls für Politikerkollegen, doch meistens für eine im voraus nicht definierbare Leserschaft, also für das klassische „alle“. Und vor allem eindeutig.

Ich kenne beide „Methoden“ des Schreibens: die des Schriftstellers, der für seine Leser oder für die Zuschauer seines Theaterstückes schreibt, die seine Werke kaufen und seine Gedankengang voraussichtlich genau folgen können, also jemand der sich die künstlerische „Zweideutigkeit“, sogar Mehrdeutigkeit leisten kann; aber auch die des Politiker-Schriftstellers, dem dieses Vorrecht nicht zugesprochen wird, weil die „Golddeckung“ seiner Worte nicht künstlerischer, sondern eindeutig moralischer Natur ist.

Dieses Doppeldasein des Schriftstellers, der Gegensatz des mit der künstlerischen Verantwortung und mit der gnadenlosen Wahrheitsliebe kämpfenden Schriftstellers, war das große Abenteuer meines Lebens. Zum Abenteuer gehörte auch, dass ein großer Teil der Öffentlichkeit von mir, dem Politiker-Schriftsteller, gerade den Schriftsteller in mir zurückwies: anfangs wurde mir mein Recht als Schriftsteller vor dem Publikum zu stehen ganz klar abgesprochen.

Zum Abschluss der oben im Sinne der Objektivität ausgeführten Gedanken, erlauben sie mir den Luxus der Subjektivität. Nämlich – diesmal mir selber – die Frage zu stellen: welcher in dieser eigenartigen Mischung mit dem Namen Árpád Göncz, 10 Jahre lang Staatspräsident der Republik Ungarns, eigentlich der wirkliche Árpád Göncz ist?

Derjenige, der immer sehr bewusst das was er zur gegebenen Zeit sagen wollte, um damit eindeutig die alltägliche Wahrheit, wozu er sich bekannte aussagte, und zwar in dem Glauben, dass diese Vorgehensweise andere zu einer Stellungnahme oder zum Handeln anregen würde? Oder seine Worte künstlerisch zu formen bedachter Schriftsteller?

Ich meine, dass ich die zwei nur schwer von einander trennen könnte. Die besagte Person, die seine schriftstellerischen Fähigkeiten letztendlich während seiner politischen Tätigkeit und der erlittenen Gefängnisstrafe angesammelten Erfahrungen verdankt. Seine Präsidentschaft doch in erster Linie seinen schriftstellerischen Fähigkeiten.

Ungarn zusammen mit den anderen ostmitteleuropäischen Staaten durchlebt eine schwierige Zeit, wobei die Schwierigkeiten nur in zweiter Linie politischer Natur sind. Die tödliche Ladung dieses Zeitalters war und ist verbunden mit den wirtschaftlichen Problemen, die auf der Großzahl der Bewohner des Landes lasten, sowie den daraus entstehenden gesellschaftlichen Gegensätzen. Gegen diese ist der Staatspräsident zum größten Teil machtlos. Ich denke, dass die Mehrheit der Bewohner Ungarns meiner Person und meinen Worten Vertrauen geschenkt hat; vielleicht, weil sie gefühlt haben: dass ich auch einer von ihnen bin. Weil sie gefühlt haben, dass dank dessen, was ich durchlebt habe, ich ihre Sorgen teile. Dass ich dies auch in Worte fassen kann. Meinem Bestreben nach eindeutig und in einer menschlichen Sprache. Ich muss gestehen mein Seelenzustand als „Präsident“ war bis zum Ende schizophren. Ich war bange vom Gefühl der Machtlosigkeit gegenüber den über mich türmenden Kräften. Ich war bange vom Gefühl der Verantwortung, das auf dem „auserwählten Mann“ lastet, der trotz seiner Auserwähltheit die Augen offen hält. Und beobachtet – vor allem sich selbst und alles was um ihn herum geschieht.

Den gnadenlosen Gegensatz, der zwischen den Freiheiten seines Präsidentenamtes und den mit dem Amt verbundenen strengen Regeln besteht. Und er kennt die Machtgier, die Versuchung der ihm zugesprochenen Vorrechte, doch auch die Siegesfreude über die Standhaftigkeit.

Ich muss gestehen, dass ich die Erfahrungen aus den 10 Jahren meiner Amtszeit aus dem Grunde gesammelt habe um sie einmal niederzuschreiben.

Als Satire?

Und ich habe es genossen, wenn ich im lauwarmen Wasser eines unverbindlichen intellektuellen Gesprächs eintauchen durfte. Ich war glücklich, wenn ich mir in einer oder anderen kurz aufgeflammten politischen Feder meiner Überheblichkeit bewusst wurde.

Und traurig, wenn ich bemerkte, dass ich gegebenenfalls sogar mein innerstes Ich „spielen“ musste.

Ich hatte immer Angst, dass sich jemand vor mir fürchtet.

Es hat mich aber gefreut, wenn man mich gern hatte.

Doch ich habe es gehasst, wenn ich mich der Eitelkeit ertappte; was heißt: ich habe es nicht ausstehen können, wenn man Schönes über mich sagte. Mir und über mich.

Ich habe es allerdings auch gehasst, wenn man Schlechtes über mich sagte.

Mit einem Wort, hätte ich es gewollt, hätte ich trotzdem niemand anders sein können als ich selbst.

Schriftsteller?

Politiker?

Letzten Endes ist es doch völlig unwichtig. Weder meine Selbstbewertung, noch die Bewertung meiner Person durch die Nachwelt wird davon abhängen.