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Begegnungen
Schriftenreihe des Europa Institutes Budapest, Band 22:9–12.

FERENC GLATZ

Lob des zivilen Verhaltens

 

Ich gehe davon aus: das 21. Jahrhundert wird das Jahrhundert der Bürger und Zivilorganisationen sein. Das Jahrhundert derer, die sich am heutigen Tag hier zusammengefunden haben. Es ist zwar richtig, dass sich in unseren Reihen Minister, ehemalige und amtierende Staatspräsidenten, Parteivorsitzende befinden, also Vertreter und amtstragende Herren des Staatswesens – doch sind wir, seid ihr alle hier und jetzt als einfache Bürger, als Intellektuelle anwesend. Das Europa Institut Budapest wurde 1990 als eine solche Zivilorganisation gegründet und ist bis heute eine solche Zivilorganisation geblieben. Ich grüße im Geiste dieser zivilen Einstellung Herrn Staatspräsidenten Ferenc Mádl, Gründungsmitglied des Wissenschaftlichen Beirates unseres Institutes, meinen Akademiker-Gesellen, Universitätsprofessor. Und in diesem zivilen Geiste grüße ich Herrn Árpád Göncz. Ich grüße ihn als ehemaligen Präsidenten der Republik Ungarn, als Autor, als ehemaligen Generalsekretär des Schriftstellerverbandes, den Menschen der in den 10 Jahren seiner Amtszeit Bürger der Republik blieb – und der erste Bürger der Republik wurde. Seine Bescheidenheit, seine Menschlichkeit behielt er bei, und aus diesem Grund war er ein jahrzehntlang Präsident, sowohl einer Regierungskoalition, als auch der gesamten Gemeinschaft der Staatsbürger. Er blieb stets ein Intellektueller, wovon unter anderem seine regelmäßigen Besuche im Europa Institut Budapest bis zum Ende seiner Amtszeit zeugten.

 

Sehr geehrte Damen und Herren!

Das Europa des 20. Jahrhunderts war geprägt von der Herausbildung – ich könnte auch sagen durch die übertriebene Herausbildung – der exekutiven Staatsgewalt. Wenn aber die exekutive Gewalt zu viel an Gewicht gewinnt und starke Auswirkungen auf die Wirtschaft und auf das Privatleben der Bürger hat, wird der Kampf gerade um diese Staatsgewalt selbstverständlich heftig und erbittert sein. Somit wird nämlich der Inhaber der Staatsgewalt Inhaber der Macht, also Herr über ’Leben und Tod’ – d.h. über den Lebensunterhalt des Einzelnen. Das gilt heute sowohl für Europa, wie – wenn nicht noch mehr – für die ehemaligen sozialistischen Länder. (In den letzteren war, wenn ich das bemerken darf, schon immer eine übergewichtige exekutive Macht anwesend. Nicht nur in Zeiten der Diktatur, sondern bereits in früheren Jahrhunderten.) Das Ideale wäre: das Gleichgewicht zwischen bürgerlicher Zivilsphäre und politischer Macht, das Gleichgewicht zwischen bürgerlicher Eigeninitiative und den die Macht anstrebenden, sich zu diesem Ziele gebildeten Parteien. Dieses Gleichgewicht geriet am Anfang des 20. Jahrhunderts ins Schwanken. Wir leben heute zwar nicht in einer Diktatur, doch ist es gelegentlich zu befürchten, dass der Alltag der Parteien, der Kampf um die Macht stärkeren Einfluss auf unser Leben nimmt als zur Zeit der weichen Diktatur in den 1980er Jahren. Das Wiederherstellen des Gleichgewichts in der Zivilsphäre Europas ist wünschenswert, das allein kann die Herausbildung einer wettbewerbsfähigen, kreativen, aktiv schaffenden, neuen Gesellschaft in Europa sichern. Um das Gleichgewicht herzustellen wird das erneute Aufstellen der zivilen Organisationen in Europa benötigt. Also, Wiederaufstellung und Kooperation – in Form eines Dialogs – mit dem Staatswesen.

Als Vertreter dieser Auffassung möchte ich meine besondere Freude darüber aussprechen, dass an unserer heutigen Sitzung herausragende und anerkannte Vertreter des Staatswesens und der Parteien anwesend sind.

Ich grüße die Mitglieder der Regierung der Republik Ungarn, Herrn Peter Kiss, Kanzlerminister, Herrn Kulturminister István Hiller, der vor vielen Jahren – noch in seinen jungen Jahren, wenn ich das so sagen darf, in seinen noch jüngeren Jahren als heute–die Tätigkeit des Europa Institutes Budapest unterstützte und daran mitwirkte. Ich grüße Gábor Kuncze, den Präsidenten des Bundes der Freien Demokraten (SZDSZ) und den Präsidenten der stärksten nicht zur Regierung gehörenden Institution, den Präsidenten des Verfassungsgerichtes, János Németh. (Die letzte Periode seiner Amtszeit wird in den nächsten Tagen ablaufen, und ich wünsche ihm, dass er seine jahrzehntlang wohl bekannte konsensschaffende Vorgehensweise weiterhin beibehält.) Ich grüße aus den Reihen unserer ungarischen Gäste die Professoren unseres Institutes, vor allem Domokos Kosáry, der gerade jetzt in den kommenden Tagen, bzw. Wochen seinen 90. Geburtstag feiert – und mit ihm feiert das halbe Land. Er stand von Anfang an bei der Gründung des Europa Institutes Budapest an meiner Seite und tut dies bis zum heutigen Tage. Ich grüsse unsere ausländischen Gäste, vor allem Dr. Erhard Busek, Vizekanzler a. D., der ebenfalls an der Gründung des Europa Institutes Budapest mitwirkte, und der bei unserer heutigen Feier eine der Hauptrollen spielt als Laudator unseres Preisträgers. Ich grüße die Herren Botschafter, die uns mit ihrer Anwesenheit beehren und von denen mehrere regelmäßige Teilnehmer der Veranstaltungen des Europa Institutes sind. Und schließlich, doch nicht zuletzt, möchte ich Herrn Dr. Herbert Batliner, den eigentlichen Gründer des Europa Institutes, den Stifter des heute zu verleihenden Corvinus-Preises, begrüßen. Und mit der Begrüßung der Vertreter des Staatswesens, der Politik möchte ich gleichzeitig alle Freunde, Kollegen willkommen heißen, die an unserer Feierlichkeit teilnehmen.

 

Sehr geehrte Damen und Herren!

Heute wird der Corvinus-Preis verliehen. Dr. Herbert Batliner gründete den Corvinus-Preis im Jahre 1996. Der Preis trägt eine hohe Geldsumme, eine auf Leder geschriebene Urkunde mit den Verdiensten des Preisträgers und die erste und alleinige Kopie der Corvinas von König Matthias mit sich. Als Begriff wurde der Name Corvinus in Verbindung mit dem ungarischen Herrscher der Renaissance, Matthias Hunyadi, europaweit bekannt. Der Corvinus-Kult sollte die Absicht von König Matthias zum Ausdruck bringen, dass die ungarische Kultur Teil der westeuropäischen Kultur zu werden wünscht. Die Absicht des Stifters dieses Preises war zur Einbettung der ungarischen Kultur ins Europäische beizutragen, die Menschen auszuzeichnen, die zur Europäisierung des Ungarntums beigetragen haben. Seien sie Ausländer oder Ungarn. Der Preis wird vom Stiftungsrat des Europa Institutes alle zwei Jahre verliehen. Der erste Corvinus-Preis wurde 1997 dem Oscar-Preisträger Filmregisseur István Szabó verliehen. Der zweite Preisträger war 1999 Andrei Pleşu, der ehemalige Kulturminister der Republik Rumänien, zu der Zeit gerade Außenminister, und neben bei lassen sie mich bemerken, seit 1990 ebenfalls einer der Professoren, die das Europa Institut gegründet haben. Und bei dieser Gelegenheit möchte ich besonders hervorheben, dass der Stiftungsrat einstimmig und in Begleitung weniger Sätze als Begründung, die im Protokoll festgehalten wurden, den diesjährigen Corvinus-Preis verliehen hat. Diese lauten wie folgt: „Dem Intellektuellen, dem Politiker, der seine humane Einstellung in der Welt der Politik bewahren konnte. Dem Ungarn, der in Ungarn Europa und in Europa Ungarn vertreten hat.“ Während der Sitzung des Stiftungsrates haben wir natürlich lange darüber diskutiert, wie wichtig die Wiederbelebung der alten, die Grundlage unserer Zivilisation bildenden griechisch-römischen Werte im Europa des 21. Jahrhunderts ist. Darüber, dass die Zivilsphäre, nachdem die Parteipolitik sie in den vergangenen 50 Jahren beinah völlig erobert hat, also dass diese ihren zivilen Charakter wiedergewinnen soll. Wir haben darüber gesprochen, dass Árpád Göncz für uns nach 1990 ein Symbol war. Ein Symbol, ein Vorbild, jemand, der sowohl für die Zivilgesellschaft als auch für die politische Elite eine Bedeutung hatte. Eine Brücke zwischen der zivilen Gesellschaft und der politischen Elite. Denn wir brauchen solche Bindeglieder. Wir halten die professionellen Politiker in Ehren. Letztendlich sind es sie, die mit dem Geld der Steuerzahler wirtschaften, über Gesetze entscheiden, die den alltäglichen Umgang unserer Gesellschaft regeln, und die unsere zwischenstaatlichen Beziehungen gestalten, die ja somit der Bewegungsfreiheit des Einzelnen Grenzen setzen. Ohne eine gute politische Elite gibt es kein wettbewerbsfähiges Europa, keine lokalen Gemeinschaften der Staatsbürger, keine Mikrogemeinschaften auf dem Land oder in den Städten. Doch der kluge Politiker muss auch wissen: es gibt keine erfolgreiche Politik ohne Zivilsphäre. Der Bürger soll nicht nur für eine Stimme bei den Wahlen stehen, sondern mitdenkender Partner des Politikers werden. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts muss eine neue Allianz geschlossen werden zwischen der Parteipolitik und der Zivilsphäre, den Eigeninitiativen der Bürger. Diese waren die Gedanken, die zur Nominierung von Árpád Göncz bei der Kuratoriumssitzung verlautet wurden. Árpád Göncz, der schon immer ein Gefühl für den Ausbau von Verbindungen hatte.

 

Sehr geehrte Damen und Herren!

Ich habe Ihnen soeben die Umstände, die Argumente während der Diskussion der Entscheidung des Kuratoriums geschildert. Ich möchte damit nicht nur alle diejenigen grüssen und ehren, die hier anwesend sind, sondern alle, die zu den europäischen Bindungen der Kulturen kleiner Nationen beigetragen haben und bis heute dazu beitragen.

Ich danke Ihnen für ihre werte Aufmerksamkeit.